Strichliste

„Hi, kennen wir uns?“
„Nein.“
„Oh, ähm ich bin Nadja.“
„Hallo Nadja.“
„Erfahre ich deinen Namen auch?“
„Nein. Ich bin niemand, den man kennen müsste.“

Kurz sieht sie mich verwirrt an. Dann lächelt sie wieder und beginnt von ihrer Ausbildung zu reden. Eine Zeit lang höre ich ihr zu, nippe an meinem Erdbeersaft, dann gehe ich.

„Halt! Du kannst mich nicht einfach so stehen lassen. Wir haben uns gerade unterhalten.“

Ich drehe mich um. Gehe wieder zu ihr hin und schaue in ihre Augen.

„Nein. Du hast vor dich hingequasselt und ich habe nachgedacht. Unterhalten bedeutet, dass zwei Personen miteinander kommunizieren. Ist aber auch nicht so wichtig. Wenn du rüber an die Bar siehst, dann siehst du einen jungen Mann mit einem hellblauem T-Shirt und einer unglücklich gewählten, braunen Hose. Der würde dir begeistert zuhören. Da musst du nicht einmal lächeln und er spendiert dir einen Drink nach dem anderen. Wenn er dir zu langweilig oder schüchtern ist, kannst du zu dem Typen gehen, der gerade neben dem DJ steht. Siehst du ihn? Der hat zwar drei andere Frauen, mit denen er gerade herummacht, aber ich denke, dass du recht gut in sein Schema passt und er sich zumindest für einen Abend zurückhalten wird. Mit dem kannst ein paar Abenteuer erleben oder irgendetwas verrücktes machen. Mach dir einfach einen schönen Abend und lass mich in Ruhe. Ich habe keine Lust mich mit dir zu unterhalten. Es interessiert mich nicht, was du alles kannst oder noch machen willst. Es ist mir auch egal, mit wem du wann auf Urlaub gefahren bist und wie süß das Baby deiner Freundin ist. Lass mich einfach in Ruhe.“

Sie will etwas sagen, aber ich habe mich schon umgedreht und gehe zu einem leeren Tisch im hinterem Bereich des Lokales.

Nachdem ich mich gesetzt habe, schau ich kurz in die Menge. Sie hat den ruhigen Weg gewählt. Die Augen des Typen hängen etwas schief und er wird sich in ein paar Tagen umbringen wollen, wenn sie mit ihm fertig ist, aber das ist nicht mein Problem. Durchziehen wird er es sowieso nicht. Vielleicht nimmt er dann sein Leben in die Hand. Ein bisschen zumindest.

Mr. Ichbinsogeil macht sich bereits an ein anderes, viel zu junges, Mädchen gemacht. Um die würde ich mir schon eher Sorgen machen, aber spätestens in zwei Stunden ruft ihr Vater an und wenn sie dann nicht erreichbar ist, kommt er mal eben vorbei und holt sie. Ich wünsche Mr. Ichbinsogeil, dass er in dem Moment nicht an ihren Lippen hängt. Sonst kann er sich am Morgen darüber freuen, dass sich die Schwester mit der Bettente an seinem Schwanz zu schaffen macht.

Ich hole den kleinen Notizblock heraus, den roten, und mache einen Strich.

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