Bahnzeit

Ein Blick auf die kleine Uhr auf dem Handydisplay, kurz nach vier. Sie läuft mir davon. Die Zeit. Wieder und immer noch. Früher habe ich es bemerkt heute beobachte ich, wie sie an mir vorbeiströmt und morgen überhole ich sie.

Heikle Themen soll man nicht ansprechen. Nicht stehen bleiben, kein Wort. Immer weiter. Ins Verderben. Die Straße geht zu Ende, eine andere beginnt. Menschen rennen zur Straßenbahn, fluchend schauen sie ihr hinterher. Eisverkäufer gibt es nicht mehr. Tiefkühltruhen. Ich rücke meine Tasche zurecht.

Zwischen Himmel und Hölle. Nur ein paar Momente. Kein Gesicht, das ich sehen kann. Sie laufen an mir vorbei. Unbeachtet, glücklich. Ein kleines Mädchen steht am Straßenrand, ein Pack Rosen in der Hand. Sie sehen traurig aus. Ich hasse kurz das System. Welches? Beide. Gleich wird sie auf mich zugelaufen kommen, mir eine Rose entgegenstrecken und ich werde sie ohne ein Wort zu sagen böse anstarren. Dann wird ihr Lächeln verschwinden und sie mit ihm. Mein Magen knurrt.

Gestern war es heiß, ich lag auf der Dachterrasse und genoß das Leben. Heute ist der Himmel bewölkt, ich habe wieder meinen grauen Mantel an. Der Wind bläst mir die Haare vors Gesicht. Es ist mir egal. Ich kenne den Weg und sehen muss ich heute niemanden.

Der Abgang zur U-Bahn. Wie ein Schlund, der alles in sich aufsaugt. Auf der anderen Seite würgt er es wieder aus. Ich remple mich durch die entgegenstömende Masse. Menschen jeden Alters, sie stehen unter Druck. Die Zeit, die sie treibt. Ich weiche aus. Sie rennen ins Leere. Dann Stille. Alle sind verschwunden. Ich schlendere den Bahnsteig entlang. Blicke auf die Anzeige. Acht Minuten. Zu viel Zeit um nur dazustehen. Möchte mich auf die Bahnsteigkante setzen, ein Blick zur Kamera, ich hole mein Notizbuch heraus.

Menschenmassen strömen, rennen, atmen. Ungehalten gegen Wände, in die Leere, kein zurück. Erinnerungen, die verblassen, nach Sekunden, wie ein Blitz. Durchdrungen und verschwunden. Hinterlassen Löcher, winzigklein. Unbedacht. Wer ich bin, wohin ich gehe. Nicht mit ihnen. Nur ein Fisch. Abgekommen, ausgebrochen. Kleine Perlen, die am Boden liegen. Glitzernd, unerreichbar. Stehen bleiben, langsam sinken. Bis man ankommt.

Auf der anderen Seite fährt ein Zug ein. Leute strömen heraus, springen über die Treppe, drängen sich in den Aufzug. Ich lehne mich an die Wand, suche ihre Blicke. Hastig vorbeieilend. Nicht heute. Vielleicht das nächste Mal. Ich muss lachen.

Dann fährt meine Bahn ein.

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