Der erste Abgrund. Das Vertrauen.

Zitternd sitze ich auf dem kalten Boden. Es regnet. Meine Tränen vermischen sich mit dem Wasser, das über mein Gesicht rinnt. Meine Haare verdecken meine Augen und ich habe nicht das verlangen, sie aus dem Gesicht zu streichen. Möchte sitzen bleiben bis ich vor Müdigkeit umfalle. Und liege bleibe. Für immer.

Ich kann es nicht and bestimmten Situation festmachen. Ein paar Bilder vor Augen, das Gefühl tief verankert. Das Lachen der anderen. Man baut Vertrauen zu Menschen auf, mühsam. Tag für Tag kommt man ihnen näher. Jahr für Jahr vertraut man ihnen mehr an. Irgendwann glaubt man mit ihnen offen reden zu können. Die kleinen Geheimnisse, die man so gut gewahrt hat preisgeben zu können. Nur um festzustellen, dass die andere Person nicht bereit war. Dass man sie falsch eingeschätzt hat. Dass sie ein Arschloch ist. Dem man so vertraut hat. Nicht immer tun sie es bewusst. Sie trinken ein Bier. Oder auch mehr. Plötzlich sprudelt es aus ihnen heraus. Man erfährt es demütigend durch andere. Oder wenn man echte Freunde hat von ihnen. Dinge, an denen man sich jahrelang festgehalten hat, machen die Runde. Werden durch den Schlamm gezogen und man verliert den Halt, den sie einst gegeben haben. Die eigene Welt bricht zusammen. Bilder schießen in den Kopf. Was hat man noch gesagt. Was wird noch kommen. Man wird still. Behält, was einem wichtig ist, für sich selbst.

Der Regen hört auf. Ich atme tief ein, streiche mir die Haare aus dem Gesicht. Sitzen bleiben funktioniert nicht. Ich stehe auf, beginne zu gehen. Immer schneller. Raus aus der Stadt. Durch kleine Gassen und große Straßen, bis ich bei den Feldern angekommen bin. Einen Moment verschnaufen und dann weiterlaufen. Immer weiter. Weg. Bis man erschöpft zusammenbricht.

Laufen kostet Energie. Je mehr man läuft, desto stärker wird man. Das Leben geht weiter. Nicht jeder Gedanke muss in die Erzählung eines ganzen Leben enden. Doch was wir erlebt haben, macht uns aus. Was wir in eurer Welt und in unserer Welt erlebt haben. Jedes Bild, jedes Buch. Jeder Mensch, den wir begegnen ist ein Fragment, das sich in unser Leben einfügt. Manche sind größer, manche kleiner. Ich habe sie behutsam mitgenommen und einige nie einem Menschen gezeigt. Ich habe auch nicht vor dies zu ändern. Am liebsten würde ich diesen Satz löschen, doch es gehört dazu. Geheimnisse. Ich habe welche, die ich nie preisgeben werde. Es fällt mir schwer, dass es auch bei anderen Menschen so ist. Wahrscheinlich bei allen. Man kann sich nicht an alles erinnern und man will nicht alles erzählen. Vertrauen kann man nur über Zeit aufbauen. Man muss es wollen. Ich kann bei jedem Mensch makel finden und dies Makel als Argument nehmen, warum ich ihn auf Abstand halte. Meine Welt ist fragil, doch riesig. Ich habe einen Empfangsbereich, wo schon vieles zerbrochen ist. Doch sie ist herzeigbar und die meisten Menschen fühlen sich wohl. Dort kann ich mich mit ihnen auseinandersetzen. Manche führe ich ans Fenster und zeige ihnen eine Blick auf die wunderschönen Gärten. Nur wenige dürfen mit mir dort spazieren. Manche Zimmer sind verschlossen. Manche speziell dekoriert. Ich schätze die Menschen ab, überlege wie nahe ich ihnen kommen möchte. Manchmal ist es besser ihnen etwas zu zeigen, was ihnen gefällt. Ich belüge sie nicht, aber zeige nur einen winzigen Ausschnitt. Ständig wird umgebaut. Einige sehr stabile Bauten. Nicht so schön, aber massiv. Dort kann ruhig jemand probieren mit dem Vorschlaghammer Löcher in die Wand zu schlagen. Ich werde neben ihm stehen und ihn anfeuern. Jeder Schlag macht die Wände stärker.

Irgendwann sitze ich in einer Lichtung auf einer Bank. Ich höre die Vögel singen. Ich bin alleine. Mein Körper löst sich von einem Gedanken und ich beginne zu fliegen. Sehe die Stadt unter mir und die Menschen. Ich schaue in ihre Zimmer ohne dass sie mich bemerken. Und sehen sie mich doch, können sie nichts tun, als die Fenster zu schließen. Versuchen mich auszusperren. Ich lerne.

Ich habe begonnen zu manipulieren. Habe die Informationen aus ihnen gelockt und war mir immer im klaren, was das für mich bedeutet. Eines Nachts hatte ich einen Traum. Lauter Menschen, die ich kannte saßen in einem großen Saal. Irgendein Vortrag. Dann bin ich aufgestanden und habe begonnen Dinge zu erzählen. Jedem einzelnen habe ich seine größten Ängste, Wünsche und Geheimnisse an den Kopf geworfen. Ich habe mehr gewusst, als mir viele selbst gesagt haben. Immer weiter, immer schlimmer. Sie haben kein Wort herausgebracht, mich nur angestarrt. Ich habe weitergemacht. Mich in Rage geredet. Immer mehr, immer schneller, immer schlimmer. Am Ende hat mich mein bester Freund erschossen.

Die Blätter fallen langsam zu Boden. Es wird Herbst, ich muss los. Meine Kleidung hat sich geändert. Ein schwarzer Mantel und schwere Stiefel. Handschuhe. Meine Augen sind dunkel geworden. Langsam schreite ich den Weg entlang. Die kleinen Steinchen knirschen, wenn ich sie aufeinander presse.

Ich vertraue mir selbst nicht mehr. Möchte nicht, dass mir jemand Informationen anvertraut, die mich verleiten das falsche zu tun. Behalte dein Passwort für dich. Ich will niemanden verletzen. Oft habe ich mich zurückgehalten. So einfach wäre es gewesen, doch ich habe es nicht getan. Lebe nach bestimmten Werten. Setze mir selbst Grenzen, die ich nicht überschreite. Ich muss alles wissen. Nur so kann ich Menschen einschätzen. Je mehr Informationen ich sammle, desto eher vertraue ich auch selbst etwas von mir an. Es ist als hätte ich eine Waage, mit der ich einschätze, wie viel ich wem geben kann. Manchmal lege ich ein schweres Stück von mir schon zu Beginn darauf, um das ganze zu beschleunigen. Um zu sehen wie das Gegenüber reagiert.

Es gibt keine Wahrheit. Keine Realität. Nur meine Welt und eure. Manchmal überschneidet sie sich.

Rätsel schützen mich. Kryptische Sätze, die ich von mir gebe. Geschichten, in die ich Teile meines Lebens, meiner Welt packe.

Ich habe niemals aufgehört zu hoffen.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Desillusionierung und Ent-täuschung sind immens schwer zu (er)tragen. Weil sie die Angewohnheit haben dir von jetzt auf gleich mit der Faust ins Gesicht zu schlagen.
    Du kannst sie selten kommen sehen. Bestimmt öffnen sie auch andere Spalten, andere Risse, andere Gänge in dir und der Welt durch die du hindurch gehen oder durch die du fallen kannst.
    Dies ist jedoch nicht wirklich ein Trost, da die Abwesenheit von Vertrautheit und Verlässlichkeit über all dieser Erkenntnis steht.
    Dennoch gilt es in dieser ganzen hieroglyphischen Unverständlichkeit kleine Schnittpunkte sich kreuzender Linien ausfindig zu machen. Und sich an ihnen halten, irgendwie. Ein wenig.
    In all der Haltlosigkeit. In all der Verzweiflung. In all dem Wandel. In all dieser Abwesenheit von Beständigkeit.
    Noch immer bist du fähig zu schreiben. Noch immer ist es dir vergönnt diese Welt in ihrer Schönheit und Schmerzlichkeit wahrzunehmen. Auch wenn du voller Zweifel und voller Trauer bist: all das bist immer noch du. Nur du.

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