Wintertanz 2

Für ein paar Sekunden lass ich meinen Blick schweifen. Dann suche ich sie wieder. Ohne Erfolg.

Verschwunden. Vielleicht ist sie gegangen. Hat sich etwas zu trinken geholt, frische Luft schnappen, aufs Klo, eine Freundin holen, eine Zigarette Rauchen, schminken, Geld abheben, sich ausruhen, die Beine massieren, Fingernägel lackieren, Schuhe putzen, essen, Nase schneuzen, umziehen, einen Musikwunsch äußern.

Sie ist weg. Schon seit Stunden. Warum ist sie noch da? Was hat sie mit meinen Bildern gemacht. Noch immer fröhlich tanzend wirbelt sie sie herum, verwischt sie und verschwindet selbst. Da ist sie wieder. Wäre es später, hätte ich, wäre ich alleine, wäre ich, hätte ich mich anders verhalten. Nein. Sie war es nicht. Ich weiß es. Rede es mir nicht nur ein. Der Moment hätte gereicht. Ein Augenblick um zu wissen was man will. Nicht rational abwiegen, was wichtig ist. Nicht darüber nachdenken. Einfach sein. Morgen spielt keine Rolle. Sie war es nicht.

Die Tanzfläche hat sich geleert. Meine Freunde warten auf einem Sofa. Nuckeln an ihren Getränken. Mir wird kalt. Ich spüre den Schweiß auf meiner Stirn. Auf meinem Rücken. Eisig. Ein Luftzug. Das Licht geht an. Ein kurzes Murren der anderen. Ich schaue zum DJ, er schüttelt lächelnd den Kopf. Ich kann ihm nicht böse sein. Eine Stunde mehr spielt keine Rolle. Irgendwann kommt die Kälte. Zieht mich zurück ins Leben. Ein Freund bringt mir schon meine Jacke. Ich wusste nicht einmal, dass ich eine an hatte. Ist auch nicht meine. Ich schaue ihn an. Er ist verwirrt, dreht sich wieder um, legt die Jacke zurück.

Wir sind die letzten. Mein Shirt ist schon wieder trocken. Als wir die Treppe raufgehen, werde ich gefragt ob ich sie noch heimbringen könnte. Natürlich. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals alleine heimgefahren bin und die anderen stehen habe lassen. Zehn Minuten bräuchte ich. Fünfundvierzig werde ich brauchen. Mindestens. Quer durch die ganze Stadt. Es ist mein stummer Ausdruck, dass sie mir etwas bedeuten. Es fällt mir schwer so etwas auszusprechen. Fürchte mich vor den Reaktionen. Egal ob sie positiv oder negativ wären.

Ich schiebe eine CD in das Autoradio. Song 2 von Blur. Danach kommen Gorillaz und Green Day. Sie schreien ein paar Stellen mit. Der Alkohol hat sie voll im Griff. Ich werde ruhiger. Konzentriere mich auf die Straße und beginne Szenarien durchzugehen. Diese sind so weit weg, wie der nächste Baum.

Der letzte ist ausgestiegen, hat sich noch einmal bedankt und eilig die Haustür hinter sich geschlossen. Ich rolle langsam den Berg hinunter. Dann geht es über die Autobahn heim. Der Himmel ist schon blau. Aus den Boxen dröhnt Juli.

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