Weil Es Dich Gibt Feier

Ich kann mich nur noch dunkel an meine ersten Geburtstage erinnern. Irgendwo sehe ich einen kleinen Jungen in einer Sandkiste spielen. Der Gartenschlauch befüllt einen See in einer Ecke. Mit Plastiksäcken verstärkt, damit das Wasser nicht ganz so schnell weg ist. Ihm gegenüber sitzt ein Mädchen. Sie graben im Sand, bauen Türme und reißen sie wieder ein. Irgendwann gibt es Kuchen. Ein paar Kerzen. Geschenke sehe ich nicht. Vielleicht habe ich die aber auch nur vergessen.

Was bedeutet dieser Geburtstag eigentlich? Man wird ein Jahr älter. Wissenschaftler versuchen die Alterung des Körpers zu stoppen und sind nicht besonders weit davon entfernt. Menschen leben immer länger. Das Gehirn stellt noch ein Problem dar. Ab einem gewissen Zeitpunkt werden nur noch wenige neue Zellen hergestellt. Dennoch vernetzen sich die bestehende immer weiter und es gibt noch keine Grenze. Zeit ist relativ. Menschen suchen sich ständig Anhaltspunkte um nicht durchs nichts zu wandern. Sie brauchen Dinge an denen sie sich orientieren können. Die Drehung der Erde in fiktive Einheiten umgerechnet gibt ihnen einen solchen Punkt. Sie halten sich daran fest und manche verzweiflen zugleich daran. Was bedeutetet es schon älter zu werden?

Die nächste Erinnerung ist in der Volksschulzeit angesiedelt. Der Junge ist größer geworden und hat offensichtlich mehr Freunde, die er nun einladen kann. Sie haben Schwimmflügel an. Und einen Hasen. Die Decke auf der sie sitzen ist ihr Boot und den Hasen müssen sie aus den Fluten retten. Topfklopfen gibt es später auch noch. Und wieder einen Kuchen. Geschenke. Lego Technik und anderes.

Was habe ich davon länger zu leben? Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die meisten Menschen gerade dies wollen. Manche glauben, dass sie irgendwann noch alles machen können, was sie machen wollen, aber sie machen es nicht. Weder heute, noch in der Zukunft. Man kann nicht alles verwirklichen, aber man darf auch nicht aufgeben zu träumen. Man kann ohne große Erfolge glücklich sein. Große Erfolge ist auch nur ein subjektives Maß. Ich will glücklich sein. Je länger ich lebe, desto öfter kann ich glücklich sein, desto öfter bin ich traurig. Es zählt nur die Veränderung. Vielleicht bewegt sich unser Universum mit beinahe Lichtgeschwindigkeit durch etwas noch viel größeres. Es spielt für uns keine Rolle. Beschleunigen wir ein Auto, spüren wir den Druck. Die tatsächliche Geschwindigkeit ist egal. Sind wir immer glücklich, wissen wir gar nicht was glücklich sein bedeutet. Es muss immer noch mehr sein, um uns zu befriedigen.

Die Gymnasialzeit geht ihrem Ende zu. Alle Personen, die gekommen sind, kennt er aus der Schule. Zuerst wird Kuchen gegessen, dann geht es den Berg hinauf. Zu einer kleinen Hütte neben einem großen Latschenfeld. Dort werden sie ein Lagerfeuer machen und die Nacht verbringen. Zwischen den flachen Gestrüpp im Halbdunkeln verstecken spielen und der Hund wird bellen, wann immer er jemanden hört.

Ein Jahr ist vergangen. Doch es ist ein Tag wie jeder andere auch. Wir würden es nicht einmal bemerken, wenn bei der Geburt etwas falsch in die Papiere eingetragen wurde. Vielleicht sind wir gar nicht heute geboren, sondern gestern. Oder gar in einem anderen Monat. Was feiert man dann eigentlich? Wir freuen uns, dass es die Person gibt. Doch das tun wir auch an anderen Tagen. Vielleicht sogar noch mehr. Menschen legen sich so sehr an bestimmten Daten fest, obwohl sie gar nicht erklären können, was nun das besondere daran ist. Sollte der Geburtstag nur daran erinnern, dass die Zeit verstreicht, ist er überflüssig. Das werde ich jeden Tag durch die Jahreszahl. Ein Grund um zu feiern. Wie so viele andere auch.

Er sitzt in einem modern eingerichtetem Lokal. Seine Freunde und Projektpartner sitzen um den Tisch und man trinkt Cocktails. Ein paar Kleinigkeiten zu essen. Fotos werden gemacht. Kuchen gibt es keinen mehr. Geschenke werden fiktiv übergeben, das Geld landet am Konto, wo es darauf wartet für etwas ausgegeben zu werden, das er sich normalerweise nicht gönnen würde.

Raus aus dem System. Du kannst dir den Tag selbst aussuchen, an dem wir feiern, dass es dich gibt. Es kann mehrmals im Jahr sein oder auch seltener. Geburtstage sind überflüssig. Für mich sind es nun „Weil-Es-Dich-Gibt“ Feiern.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ich erinnere mich kaum noch an die Zeit als ich noch gefeiert habe, andere wohl auch nicht. „Weil-Es-Dich-Gibt“ ist ein weit besserer Grund zu feiern.
    Zeit es ihr mal wieder zu sagen.

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