Wasserfall

Vor mir eine glänzende Platte. Kein Wind, der das Wasser bewegt. Weit oben die Gipfel der Berge. Schneebedeckt. Das ganze Jahr.

Ich setze mich auf einen Stein, spüre die Kälte, wie sie sich durch meine Hose frisst. Nicht anspannen. Die Augen schließen und mich fallen lassen. Ein Steinchen, das sich in meinen Rücken bohrt. Ich nehme es in die Hand. Befühle die raue Oberfläche. Es erinnert mich an eine alte Tapete. Leicht vergilbt und aufgerissen. Ich hole aus. Werfe es weit in den See hinein. Kreise bis ans Ufer. Winzige Botschaften des Aufpralls. Langsam verbreiten sie sich und alles bleibt ruhig. Mein Rücken wieder auf dem Stein. Über mir die kalte Frühlingssonne.

Es ist ein neuer Tag. Es ist immer ein neuer Tag. Und doch fühlt es sich anders an. Es sind zwei Jahre vergangen seit ich das letzte Mal hier war. Zurückziehen. Die Einsamkeit genießen. Nachdenken. Die ersten Wanderer werden erst in ein paar Stunden kommen. Der Parkplatz war noch leer. Ein kalter Schauer durchfährt mich. Tief die Bergluft einatmen. Sanft strömt sie in meine Lungen. Füllt mich mit dem Wissen, dass alles in Ordnung ist. Das Leben geht seinen Weg und ich begleite es. Manchmal muss ich es an der Hand nehmen und ihm zeigen, dass es da nicht weiter geht. Oder dass ich woanders hin möchte. Selbst die kleinen Höhen und Tiefen sind da. Manchmal höher. Manchmal tiefer. Wenn ich den Schreibtisch festhalte, nur noch schreien will. Mir den Fuß an der Türe anstoße und mit rotem Kopf durch die Straßen laufe. Wenn ich kleine Erfolge feiere. Mich nach der Arbeit auf einen Tee treffe. Über die Zukunft philosophiere. Spät in der Nacht nach Hause komme. Wohlige Wärme berührt mich.

Die Sonne schüttelt den Winter ab. Ihre kleinen Strahlen suchen sich den Weg durch die Kälte. Sie treffen mich. Mein Gesicht. Meine Brust. Meine Hände. Beine. Arme. Füße. Neben mir liegt ein Handtuch. Erst gegen Abend werde ich erwartet. Mit ein paar Freunden treffen. Etwas essen gehen. Geschichten austauschen. Doch jetzt bin ich hier. Alleine. Vor mir das Wasser. Ich ziehe den Pullover aus. Werfe das Shirt auf den Stein. Dann lasse ich die Hose fallen. Mit den Schuhen lege ich sie neben mich. Schritt für Schritt. Meine Haut zieht sich zusammen. Versucht aus den Haaren einen Schutzwall zu zaubern. Es reicht nicht. Ich gehe weiter. Der Grund ist rau. Ich gleite ins Wasser. Mit wenigen Zügen geht es in die Tiefe. Unbeweglich. Die Kälte weicht. Mit jeder Bewegung kommt sie zurück.

Ausgleich für das Leben. Sieben Tage die Woche. Arbeit und Uni. Daneben mehrere Projekte. Ich will mehr. Ständig auf der Suche. Wichtige Dinge gefunden. Für einen Moment habe ich die Wohnung vor Augen, den Hörsaal, das Büro. Eine schnelle Bewegung und ich bin zurück. Auf 1590 Metern. Mitten in Tirol. Lasse mich treiben. Im Wasser schwebend. Erinnerungen kommen hoch. Als ich als Kind hier war. Ein einziges Mal war ich im Wasser. Mit meinem Vater und dem Hund. Ich bin in die Mitte geschwommen und der Hund wollte ständig bei mir sein. Mit seinen Krallen ist er über meinen Rücken. Ich habe es nicht gespürt. Mehr ein streichen. Die Male zuvor sind wir nur um den See herum gegangen. Waren bei der alten Kapelle. Haben am Ufer gejausnet. Brot und Käse. Dazu Holundersaft. Ich vermisse die Zeit nicht, aber erinnere ich mich gerne zurück. Wie ein anderes Leben. Der kleine Junge war ich. Der kleine Junge bin ich.

Minuten vergehen. Ich bewege mich wieder zum Ufer. Steige aus dem Wasser heraus. Drücke Wasser aus den Haaren. Kurz bleib ich stehen. Das Handtuch wärmt mich. Die Sonne ist hinter einer Wolke verschwunden und wird so bald nicht wiederkommen. In meiner Jackentasche sind zwei Müsliriegel. Auf dem Stein sitzend kaue ich langsam. Darauf wartend, dass meine Haut trocken wird. Bevor ich die Socken anziehe streife ich sorgfältig mit dem Handtuch über die Füße. Ich mag das Gefühl von Sand auf der Haut nicht. Wieder angezogen gehe ich über den Wanderweg zurück. Der Tag hat erst begonnen.

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