Textadvent #2

Schließe deine Augen, lass die Musik ihr Werk tun. Dich durch eine andere Welt tragen. Eine Welt, die du nie selbst erlebst hast. Eine Mischung aus Wunschvorstellung und Erzählungen. Du wolltest dazu gehören. Berühmt werden. Berühmt sein. Jeder sollte dich anhimmeln, dich erkennen und dir zu Füßen liegen. Kein Club in den du nicht hineinkommst, kein Sternchen, das dich nicht einlädt.

Die Welt ist keine Discokugel.

Ich sitze auf einer Couch und spüre den Bass, wie er meinen Magen massiert. Neben mir die lokale Prominenz. Sie kotzt mich an. Das ständige an mich drängen, keine freie Minuten lassen. Oberflächliche Fragen und selbst wenn ich sie anschreie, freuen sie sich. Er hat mit mir geschriene. Das heißt er mag mich. Er beachtet mich. Ich kann den Unsinn nicht mehr hören. Wir sind alle Menschen und doch bilden wir uns ein anders zu sein. Allein dadurch, dass ich mich über die Oberflächlichkeit der anderen Menschen aufrege, mache ich mich selbst zu etwas besserem. Fühle mich besser. Die Reflexion führt lediglich in Sackgassen, bis man alle Gedanken von sich streift und wieder in die Menge fällt. Das Leben ist einfach ohne nachzudenken. Ein Funke, der ein Feuer entfacht an dem man sich so leicht verbrennen kann. Und spricht man darüber, erntet man Unverständnis. Dass es keine Rolle spielen würde, dass wir sind wie wir sind, dass die Gesellschaft es akzeptiert hat. Doch wer ist diese Gesellschaft? Sind es nicht wir selbst, die aufhören müssen unsere Taten zu gerechtfertigen, indem wir sie nicht in Frage stellen? Jemand leert mir einen Drink über das Hemd, noch bevor ich mich entschuldigen kann, wird er aus dem Raum gezerrt. Ich bin gestolpert.

Die kalte Nachtluft saugt sich an meiner Haut fest. Verschwitzt von der Bewegung und ohne Kopf stehe ich da. Die Welt dreht sich. Ohne mich und ohne dich. Die Menschen machen weiter. Und nur wir sind es, die sie ändern können. Jedes Wort, das wir sagen, jede Bewegung. Es ist ein Zeichen, es schlägt Wellen. Vielleicht. Zwischen Unsicherheit und Wahnsinn taumle ich der Straße entlang. Mein Gesicht ist verschmiert. Ich habe nichts getrunken, niemanden gesagt, dass ich gehen würde. Gehen. Zwölf Kilometer bis zur nächsten Zivilisation. Tausend Jahre um anzukommen. Bevor sie sich selbst auslöscht und nur Artefakte hinterbleiben. Die irgendwann gefunden und untersucht werden können. Von denen die, den Untergang überlebt haben und den frei gewordenen Raum nützen, um selbst zu leben. Sich selbst zu zerstören. Wie schon wir vor ihnen. Die Zukunft ist nur ein Streifen am Horizont. Wir laufen ihr hinterher, können sie niemals erreichen. Eine Luftblase, die zerplatzt bevor man sie berührt. Ihre Schönheit nur solange aufrecht bleibt, wie man sie aus der Ferne betrachtet. Jeder Mensch ist ein Kunstwerk, das sich selbst schafft. Kunst kann nicht objektiv betrachtet werden. Kein Moment in dem wir urteilen könnten oder gar weitergehen. Weitergehen als die anderen, weil wir zusammen gehen. Jeder Schritt, den wir machen, machen auch sie. Jeder Gedanke ist von uns. Nichts zu schützen. Außer die Gesellschaft vor sich selbst. Vor ihren Auswürfen des Pessimismus. Die Selbstkritik als zentrales Element. Als Bremse und Katalysator zugleich. Immer schneller, immer mehr. Immer weniger, immer leer.

Leere Worthülsen stürzen zu Boden, nachdem ich den Inhalt in die Nacht geschossen habe. Ich genieße die Freiheit der Einsamkeit. Spreche, singe, springe. Aus dem Gehen wird ein laufen. Mein Körper lässt sich treiben und trägt mich durch die Nacht. Ein Auto zieht vorbei. Mein Gesicht ist verschmiert. Alles beginnt zu glühen, die Lungen nur noch ein röcheln. Sich selbst ans Ende bringen. Ums nächste Eck laufen, auch wenn keines da ist. In den Wald hinein und wieder heraus. Der Dschungel unserer Seele. Ein Gebilde des Kopfes und dem Herz. Erfindung der Gefühle. Alles ist zu hinterfragen, weil es sein kann, dass es nicht ist, obwohl wir es haben. Man strauchelt, um wieder aufzustehen, während andere gehen um nicht zu straucheln. Angst haben vor der Richtung, die es nicht gibt. Vektoren. Von einem Punkt zu einem anderen. Immer am Ziel und nie ankommen.

Die Nacht ist die Nacht. Die Worte von mir. Die Vorstellung von euch.

Ich kenne mich selbst nicht mehr.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wunderschön. Ja, auch ich habe, wenn schon nicht in Echt, wenigstens halbwegs einen Adventskalender. Ich glaube, ich werde mir am Ende des Jahres alle Einzeln ausdrucken und sie zu einem kleinen „Buch“ machen. Weil sie (jetzt schon) so schön sind. Berührend. Darf ich das machen?

    • Ist etwas nicht echt, weil es virtuell ist und nicht materiell. Ist der Text nicht existent, weil man ihn nicht in Händen hält?

      Es ist schön zu wissen, dass man gelesen wird. Gerne gelesen. Mir gefällt die Idee des Ausdruckens. Auch wenn ich nicht viel von Papier halte. Es ist eine Wertschätzung. Ich freue mich darüber.

      Alle Texte stehen nun unter einer CC-BY Lizenz, was bedeutet dass man damit machen kann, was man will. Selbst verkaufen

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