Kein Alptraum

Meine nackten Füße berühren das Gras. Glänzende Wassertropfen benetzen meine Haut. Ein sanfter Nebel bedeckt das Tal. Herumirrend und leicht. Ein Reh, das am Waldrand steht. Es sieht kurz auf, bewegt seinen Kopf in meine Richtung. Ignoriert mich und widmet sich erneut dem frischen Grün zu. Ich gehe weiter. Auf eine kleine Erhebung. Setze mich auf den Boden. Blicke um mich. Auf der einen Seite die endlose Weite, ein Bächlein, das sich bis zum Horizont schlängelt.

Ich erinnere mich an früher. Als ich mit meinem Vater hier war. Er hatte mir damals ein Wasserrad gebaut. Aus Holz, mit vier Platten. Speziell angeordnet, damit es je nach Drehrichtung mit wenig oder mit viel Wasser funktionierte. Ich habe den Bach aufgestaut und in einer engen Schlucht an Geschwindigkeit gewinnen lassen. Am Ende das Wasserrad. Die Endlosigkeit hatte mich fasziniert und tut es noch immer. Ständige Energie, die der Mensch zerstört. Die kleinen Steinchen, die ohne Unterbrechung im Bachbett aufgewirbelt und weitergetragen wurden. Die Blätter, die an mir vorbei schwammen und die endlosen Massen an Wasser. Dann bin ich zu meinem Vater. Er hatte Brote und Holundersaft mitgenommen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was wir gesprochen haben. Es ist nur noch ein warmes, angenehmes Gefühl da.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel. Blau mit ein paar weißen Wölkchen und Strichen. Ein Flugzeug fügt einen neuen hinzu. Auf dem Weg in den Norden. In ihm entspannte Urlauber. Gedanken an den nächsten Arbeitstag, vollgestopfte Posteingänge und endlose To-Do-Listen. Ich lege mich auf den Rücken. Ein Hase schwebt über mit, setzt zum Sprung an und verwandelt sich in ein Gesicht. Ich schließe die Augen. Wärme durchdringt meine Haut. Vermischt sich mit meinen Nervenzellen und lässt mich etwas dösen. Das Reh schon längst verschwunden. Wieder im Wald, wo es auf den Abend wartet. Ebenfalls ein Nickerchen macht. Bis ein Jäger kommt und das natürliche Gleichgewicht wiederherstellt, welches er im letzten Winter gestört hat. Ein Regentropfen fällt auf meine Wange.

Manchmal passieren Dinge, die man nicht erwartet hat. Plötzlich sieht alles anders aus. Der Körper steht still, während der Kopf versucht zu arbeiten. Die Gedanken prasseln wie ein Gewitter auf einen ein. Überwältigt von der Menge und Wirkung jedes einzelnen, schafft man es nicht, sie zu sortieren. Ohne Ordnung trommeln sie weiter.

Der Wind zwingt mich gebückt zu gehen. Immer größere Tropfen rasen mir entgegen. Sie werden schneller. Treffen meine Augen, lassen meine Sicht verschwimmen. Ich beginne zu schreien, doch man hört mich nicht. Donnernd bricht der Wald zusammen. Grasbüschel werden aus dem Feld gerissen, aufgewirbelt. Der Bach, ein Fluss, der meine Füße erfasst. Ich spüre den Boden nicht mehr. Stolpere, werde mitgerissen.

Ich weiß, dass nach dem Regen Sonne folgt. Doch ich weiß nicht wie lang es regnet. Ich weiß nicht, ob der Sturm bleibende Schäden verursacht. Ich weiß nicht, was ich darin verlieren werde.

Als ich das Ende sehe, spüre ich ihre Hand. Sie hält mich fest. Gemeinsam werden wir mitgeschwemmt. Das Wasser zieht uns auseinander, doch wir lassen nicht los. Die Wolken sind verschwunden, der Fluss wieder ein Bach. Sogar das Reh steht an seinem Platz. Wir sitzen aneinandergelehnt auf dem kleinen Hügel. Wie ein Traum. Doch unsere Kleidung ist durchnässt. Mein Körper ist erfüllt von Wärme. Es tut gut, sie an meiner Seite zu fühlen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ich war heute morgen noch zu Wortlos und vor allem zu spät dran, ich muss sagen Frau W. hat gut gewählt, durch „Jammertal“ habe ich mal ihre Lieblinks durchstöbert, bin hier gelandet und bleibe ein wenig.

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