Gratwanderung.txt

Es ist dunkel. Und kalt. Ich ziehe mir die Mütze vom Kopf, weil mein Körper zu überhitzen droht. Sie haben mir gesagt, dass ich nicht davon ausgehen kann, dass Übergänge klar sind, nur weil sie mir offensichtlich erscheinen. Ich muss Dinge aussprechen und ausschreiben. Darin bin ich schlecht. So viel lieber. So viel lieber würde ich nur Wortfetzen um mich werfen und dennoch von allen verstanden werden. Das funktioniert aber nicht. Vor allem nicht in der Welt, in der ich mich momentan bewege.

Kurz nach zwei bin ich aufgestanden. Der Rucksack schon im Auto. Kein Abschied, nur Stille. Auf der Autobahn sind ein paar Fahrzeuge unterwegs, aber sobald ich in den Waldweg einbog, war ich alleine. Unter anderen Umständen würde ich fester zudrücken, aber ich fühle mich eher nach langsamen schlängeln, den Berg umarmen und mich von den Wipfeln lenken lassen. Die Worte stimmen nicht, denke ich mir und biege auf den Parkplatz ein. Zwei andere Autos stehen schon da. Ein weißer BMW und ein blauer Golf. Irrelevant. Jacke anziehen, Stirnlampe auf den Kopf, Rucksack schultern, Mütze tief ins Gesicht. Sobald ich in den Wald komme, hört der Wind auf in die Ärmel zu kriechen. Kein Gezwitscher, manchmal raschelt etwas. Unter meinen Sohlen knirschen Steine und Äste.

Den Stimmen entfliehen, um von den Gedanken erschlagen zu werden. Meine Schritte werden schneller und mein Atem flacher. Das letzte Mal, als ich länger als eine Stunde in Bewegung war, war ein Spaziergang im vergangenen Jahr. Oder war es das Jahr davor? Ich lutsche Traubenzucker. Der Wald wird dünner und ich sehe ein paar Sterne. Sie erinnern mich an das Endlose und Nutzlose.

Die Wut hat mich überrannt. Ich weiß noch immer nicht, ob sie überhaupt kontrollierbar ist oder meine Schuldgefühle nicht zielführend. Sind sie nie. Aber sie machen es leichter sich damit auseinanderzusetzen. Ich hätte Musik mitnehmen sollen. Das ständige Knirschen nervt mich. Mein Atem nervt mich. Die einsetzende Erschöpfung macht mich wütend. Das muss alles nicht sein. Die App hat gesagt, man solle den Gedanken und Gefühlen lauschen, sie aber nicht festhalten, sondern ziehen lassen. Bis da irgendwann nichts mehr ist. Weder Ruhe noch Lärm. Weder Gedanken noch keine Gedanken. Ziemlich unverständlich, wenn man sich nicht von der Logik verabschiedet. Und dann erinnere ich mich, dass die Logik etwas künstliches ist und daher nicht funktionieren kann. Wir haben sie erfunden, um zu verstehen. Vielleicht ist da irgendwann eine Grenze, über die man nicht hinweg kommt. Dann bricht nicht alles in sich zusammen, aber man weiß, dass man anders herangehen muss.

Manchmal muss man die Dinge wörtlich nehmen. Links Abgrund, rechts Abgrund. Vor und hinter mir auch. Abgrund. Aber der ist nicht sichtbar. Vielleicht nur Einbildung. Als wir durch den Schnee gehüpft sind, haben sie uns Anti-Bergsteiger genannt. In ihren Sicherheitsgurten, aneinander gekettet unter Helmen hervorlugend. Wir lachten. Jetzt bin ich allein. Kein Schnee, aber auch kein Seil. Ich schließe die Augen. Ein Schritt, noch ein Schritt. Beim Dritten blinzle ich. Der Pfad ist nicht so schmal, wie ihn mein Kopf macht. Was wohl passiert wenn man abrutscht? Sind es fünfzig Meter? Hundert? Ich bin schlecht im Einschätzen. Gedanken eines Idioten. Zurück zu den Sternen.

Der Grat erscheint endlos. 18 Jahre. Keine Abkürzungen, kein Umkehren, keine Entscheidungen. Ich sehe nach hinten. Nach dem Wald kam eine Quelle. Das Wasser so erfrischend. Für einen Moment wünsche ich mich dorthin zurück. Ich hätte mich hinsetzen und länger genießen können. Dann wäre ich erfroren. Die Bewegung hält mich am Leben, die Sterne zeigen mir den Weg. Die Stirnlampe habe ich abgedreht. Der Mond sichert meine Schritte. Es gibt so vieles, das ich machen möchte. Mein Atem hat sich beruhigt, mein Tempo eingependelt. Ich weiß, dass es ein Ende gibt und ich weiß, dass ich ihm näher komme. Ich könnte auf die Uhr schauen. Sie würde mir von der Zukunft erzählen und mir eine Einschätzung ermöglichen. Sie würde mich auch daran erinnern, dass ich wieder ins Tal muss. Tief einatmen. Rechts Abgrund, links Abgrund. In der Mitte ich.

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