Die Welt brennt

Ich traue mich nicht die Augen zu öffnen. Keine Minute die ich geschlafen habe, keine Sekunde, in der ich nicht die Bilder der letzten Tage vor Augen hatte. Steine. Blut. Waffen.

Das grüne Meer.

Es hat vor zwei Wochen begonnen. Die große Wahl. Ich hatte mich schon zuvor für Politik interessiert, aber nicht besonders viel Hoffnung gehabt, dass sich in diesem Land etwas ändern wird. Dank der Universität hatten wir Zugang zur westlichen Welt. Über Proxies konnten wir auch auf von dem Regime gesperrte Internetseiten zugreifen und uns mit Menschen außerhalb des Landes unterhalten. Noch zwei Semester, dann hätte ich meinen Abschluss gehabt und das Land verlassen können. Gemeinsam mit zwei Freunden hatte ich schon geplant, dass wir zuerst nach Europa gehen würden. Um Asyl ansuchen. Als Akademiker sollte es nicht zu schwer sein, wurde mir gesagt. Hier hält mich nicht mehr viel. Meine Eltern leben am Land und seit ich an der Universität bin, habe ich fast keinen Kontakt mehr zu ihnen. Sie kennen die Welt da draußen nicht und wollen sie auch nicht kennen lernen. Ihre Ansichten entfernen sich immer weiter von den meinigen und solange es ihnen gut geht, habe ich auch nichts dagegen. Aber mir reicht dies nicht. Unsere Rechte wurden in den letzten Jahren immer weiter eingeschränkt. Das Land hat sich von der restlichen Welt abgekapselt und der Präsident hat durch seine hasserfüllten Worte dafür gesorgt, dass niemand mehr etwas mit uns zu tun haben will. Wäre da nicht das Öl hätte man sich schon längst von uns abgewandt oder den Hass nicht akzeptiert. Doch das ist seine Macht, seine Waffe gegenüber den anderen Ländern. Sie sind abhängig. Manchmal stelle ich mir vor, was passieren würde, wenn die Quellen versiegen würden. Wenn sich die Länder vollends abwenden und er sich keine Stimmen mehr durch Essensmarken kaufen kann, weil kein Essen mehr da ist. Wenn das Regime sich seine Freunde nicht mehr kaufen kann. Vermutlich würde das Land in einen Bürgerkrieg verfallen bis nichts mehr da ist und dann in Armut vor sich hinvegetieren. Alles nur wirre Gedanken.

Bei der Wahl hat sich jedoch gezeigt, dass mehr Menschen eine Veränderung wollen. Auch wenn der Präsident nur minimale Macht hat, kann er etwas in dem Land verändern. Er ist das Sprachrohr nach außen. Er kann die Rechte der Menschen ein bisschen vergrößern. Aus den Umfragen ging hervor, dass unser Kandidat (in Wirklichkeit ist er auch nur das kleinere Übel) gewinnen wird. Doch bevor das Ergebnis offiziell bekannt gegeben wurde, hat er sich selbst zum Gewinner erklärt. Ich weiß nicht, aber vermute, dass er Informationen hatte, dass die Wahl zu seinen Gunsten ausgehen würde. Ich war damit nicht einverstanden. Es warf kein gutes Licht auf die Wahl. Egal wie wahrscheinlich sein Sieg gewesen ist. Wenig später verkündigte der aktuelle Präsident, dass er gewonnen hätte und wurde von offizieller Seite bestätigt.

Wir sitzen zu dritt im kleinen Gemeinschaftsraum und starren fassungslos auf den Bildschirm. Mit einem Erdrutschsieg soll er gewonnen haben. Dank der ländlichen Bevölkerung. „Zwei Drittel leben in den Städten“, schreit Masood. Ich schüttle den Kopf. Wir hören aus den Zimmern weitere Studenten rufen. Niemand versteht das Ergebnis. Niemand akzeptiert es. Ich klappe den Laptop auf, schreibe ein paar Worte zu dem unverständlichen Ergebnis und sehe schon die Meldungen von anderen Personen aufpoppen. Es wird von Betrug geschrieben. Ich klicke herum, scrolle über die Seiten. Es gibt eine Kundgebung von unserem Kandidaten. In nicht einmal einer Stunde. Masuud ist mit Khen schon aufgestanden und diskutiert mit einigen anderen Studenten. Als ich aufstehe, kommen sie wieder rein und sagen mir, dass wir in einer viertel Stunde losgehen. Ich soll mir etwas grünes, die Farbe unseres Kandidaten, anziehen und mich beeilen.

In meinem Zimmer wühle ich etwas in meinen Sachen, dann habe ich mein grünes Shirt gefunden. Vorne steht Puma drauf, ich habe es mir damals spontan gekauft, als mir eine Freundin versehentlich Kaffee über mein Hemd geleert hat und wir keine Zeit mehr hatten, ins Heim zurückzufahren. Aber das spielt im Moment keine Rolle. Hauptsache grün.

Masood und Khen warten schon ungeduldig in der Haupthalle auf mich, als ich die Treppe herunterkomme. „Die anderen sind alle schon weg. Wo bleibst du denn?“ Es ist ein schöner Tag. Etwas zu heiß für meinen Geschmack. Im Bus erzähle ich den anderen von den Gerüchten zum Wahlbetrug. Für sie ist es gar keine Frage. Lediglich wer es war und wem es am meisten nutzt sei wichtig. Ich werfe ein, dass es sein könnte, dass der aktuelle Präsident gewonnen hat, aber die Höhe seines Siegs ist unwahrscheinlich. Auch der Abstand zum Drittgereihten wirft Fragen auf. Während wir uns noch über die Hintergründe unterhalten, bleibt der Bus stehen. Es gib kein Weiterkommen mehr, überall sind Menschen. Wir steigen aus und gehen mit der Masse mit.

Inspiriert von Iranian Student

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