abgrundtief.txt

„Ist doch nicht schlimm“, sagt er. Ich unterdrücke alles was ich nicht schaffe zu sagen. Die Tabletten liegen auf dem Boden der Toilette verteilt. Sie aufzuheben ist keine Option. Ich drehe mich um und gehe langsam zurück. Jetzt nichts anmerken lassen. In mir kocht alles und ich friere. Angespannt, Tränen unterdrückend. An der Klassentüre fragt mich Gringone, ob alles in Ordnung ist. Kurz den Kopf nach unten ziehen und weitergehen. Er weiß, dass nichts in Ordnung ist, aber auch, dass er im Moment nichts daran ändern kann.

Am Nachmittag liege ich auf dem Geländer des Balkons und höre Musik über Kopfhörer. Tränen laufen über meine Wangen und ich würde mich gerne fallen lassen. Ein Stockwerk auf die Wiese würde mich wahrscheinlich nicht einmal ins Krankenhaus bringen. Vielleicht wenn ich es auf die Steinplatten schaffe, mit dem Kopf voraus. Aber das ist alles zu unsicher und für mehr habe ich keine Kraft. Also bleibe ich liegen. Wie so oft. Einfach liegen und die Welt ausblenden.

Jahre später bekomme ich eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Er ist noch im gleichen Schuljahr sitzen geblieben, hat die Schule gewechselt und die dann auch abgebrochen. Zuerst sprudeln all die Erinnerungen wieder hoch. Ich rede mir ein, dass ich darüber stehe. Vergangenes ist vergangen, Menschen ändern sich. Ich nehme an. Die nächsten Wochen werde ich mehrmals gefragt, warum ich ihn noch nicht geblockt habe. Dämliche Kommentare zu meinen Beiträgen und Nachrichten, die versuchen mich runterzumachen. Menschen ändern sich. Ich kenne tolle Menschen, die mich unterstützen. Ich habe plötzlich so etwas wie eine Machtposition. Mit jeder seiner Meldungen, stellt er sich bloß. Öffentlich. Es hilft mir zu verarbeiten, auch wenn es zuerst irritierend wirkt. Irgendwann schreibe ich einen Beitrag, um zu erklären, warum er bisher nicht geblockt wurde. Dann blocke ich ihn.

Alles hätte eleganter gelöst werden können. Aber tief eingebrannte Emotionen.

Heute geht es mir besser. Die Erinnerung bleibt.

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