23. September 2009 um 00:17 |
Ich weiß, dass ich schlafen sollte. In nicht einmal fünf Stunden muss ich wieder aufstehen. Der Tag nicht stressig, aber vollgepackt mit Dingen, die zu tun sind. Ein paar Gespenster, die über meinem Kopf schweben. Ich halte sie mit Worten fern. Es kann sein, dass nicht alles zusammenhägend ist. Dass Sätze ohne Verb und Enden ohne Anfang auftauchen. Ineinander verschmelzen. Das Gefühl, das mich durchströmt. Eine Zufriedenheit mit mir selbst, mit der Welt, mit allen. Die Umstände ignorierend. Dahin verweisen wo sie hingehören. Wir leben in einem Konstrukt. Wichtigkeiten sind künstlich erzeugt. Was wirklich zählt wird gerne ignoriert, weil wir uns wohlfühlen in einem Dschungel aus Zahlen und vereinbarten Abhängigkeiten. Es ist was die Gesellschaft zusammenhält und den Einzelnen solche Lasten auferlegt. Wir sollten uns öfters zurücklehnen, auf das herabsehen, was wir sind und was wir tun. Die Zusammenhänge sehen und über die Absurdität lächeln. Wir sind unsere eigenen Sklaven. Ich bin mir sicher es wurde schon oft geschrieben, doch ich bin nicht so belesen, wie viele glauben. Viel praktisches Wissen, eine gutes Kombinationsvermögen und es ist nicht mehr schwer die Welt zu erklären. Immer wieder wurde mir gesagt wie erfolgreich ich sein könnte, würde ich mich nur ein bisschen mehr anstrengen. Ich sträubte mich dagegen ohne zu wissen warum. Heute würde ich fragen, was erfolgreich ist. Welche Erfolge es seien, die mein Leben zu etwas noch großartigerem machen könnten als es schon ist. Ich würde mich über ein paar Zahlen auf gepressten, toten Bäumen freuen und dann würde sich eine Gleichgültigkeit einstellen. Ich hole meine Energie woanders ab. Meine Freude besteht aus einem großen Teil daraus andere Menschen glücklich zu machen. Ein kleines Lächeln. Und die gesamte Menschheit sollte sich freuen.
Ich bin harmoniebedürftig. Eine Stärke und eine Schwäche. Wenn andere streiten, halte ich mich raus, versuche zu schlichten, keine Position einzunehmen. Ich kann mich zurückhalten, vieles ignorieren, ertragen. Bis irgendwann etwas in mir reißt, ein Stück von mir stirbt und ich Vergeltung schwöre. Längst kenne ich die Schwachpunkte der Menschen, kann auf ihre Wunden treten und solange auf sie einschlagen bis sie brechen. Ich hatte einen Traum, ein Raum voller Menschen, die ich kannte. Für jeden wusste ich etwas zu sagen, das ihn traurig, wütend machte, bis sie mich am Ende umbrachten. Ich will niemanden verletzen, sehe keinen Sinn darin. Halte mich zurück, weiß was Worte bewirken können. Menschen brauchen Veränderung. Ich bin nicht der richtige dafür, kann nur langsam unterstützen. Über die Jahre die Fähigkeit entwickelt Dinge so zu formulieren, dass sich beide Parteien bestätigt fühlen. Sich Erwartungshaltungen zunutze machen. Ich bin auf der Seite von jedem. Und hasse mich dafür. Man muss sich festlegen, kann nicht alles sein, kommt nicht weiter, wenn man in alle Richtungen zugleich rudert.
Mit dem Laptop auf dem Oberschenkel liege ich im Bett. Die Finger suchen sich ihren Weg durch die Dunkelheit, der Blick schwenkt auf die Uhr. Das wertvolle Gut Zeit. Eine Erfindung um Zusammeleben zu ermöglichen und sich selbst in ein Raster zu sperren. Ich halte nicht viel davon Zeit exakt einzuteilen, um effektiver zu sein. Freiheit hat Vorrang. Sich Zeit zu nehmen. Nicht nur wenn man sie braucht, sondern weil einem danach ist. Anstatt zu schlafen nocheinmal die Tasten zu berühren. Einen Hauch der Magie einzufangen. Das Gefühl das den ganzen Körper durchströmt und dann über anderes zu philosophieren. Ich habe keine Angst.
19. September 2009 um 21:26 |
Ich lächle ihn an. Oft genug habe ich versucht zu erklären, dass ich glaube nicht schreiben zu können. Jedenfalls nicht gut genug um mehr daraus zu machen. Ich genieße es nach einem anstrengend Tag mein Schreibprogramm zu öffnen, der Bildschirm wird schwarz, nur noch ein kleiner weißer Strich wartet darauf, dass ich beginne die Tasten zu berühren. Klickediklickklick, swush. Meine Augen schließen sich. Ich schreibe einfach weiter. Hin und wieder öffne ich sie um zu sehen, ob sich Vertipper eingeschlichen haben. Ich lese die letzten Sätze durch, bessere Fehler aus, schreibe einzelne Wörter um. Es passiert mit einer Selbstverständlichkeit, die ich in meinem restlichen Leben manchmal vermisse. Ich bin niemanden verpflichtet, nur mir selbst. Die Worte dürfen schockieren, sie dürfen voller Emotion sein und laut hinausschreien. Manchmal auch flüstern, kryptomanisch unverständlich über das Display laufend. Links unten ist ein Zähler, grau in grau. Er zeigt mir an wie viele Wörter ich schon geschrieben habe, wie viele Seiten und Zeichen. Rechts unten die Uhr. Oft denke ich mir, dass ich keine Zeit zum schreiben habe. Mein Bauch sagt mir, dass ich dazu in der richtigen Stimmung sein muss, dass ich Zeit brauche um hineinzukommen und ich nicht unter Druck schreiben sollte. Es stimmt und stimmt auch nicht. Oft reicht eine halbe Stunde und wenn es zwei werden ist es auch egal. Selten fällt diese Zeit ins Gewicht. Zwei, dreimal pro Woche ein paar Minuten für eine Sache zu investieren, die mich die restliche Zeit am Leben erhält, die mir die Kraft und die Ruhe gibt, die nötig ist um durch den Alltag zu kommen. Ich schließe wieder die Augen, sehe die Bilder vor mir und alles was ich machen muss, ist sie zu beschreiben. Was ich sehe und fühle in Worte verpacken, um sie auf die Reise zu schicken. Dass sie von jemand anders wieder in Bilder und Gefühle verwandelt werden können. Auch wenn niemand fühlen wird, was ich fühle, mag ich die Vorstellung. Mir unbekannte und bekannte Menschen, die vor ihren Computern sitzen, oder mit dem Handy in der Straßenbahn. Sie sehen die Wörter, die ich getippt habe, sehen was sehe, fühlen was ich fühle. Manchmal schreiben sie mir einen Kommentar, manchmal eine E-Mail und selten einen Brief. Sie verlinken meine Texte, fügen mich ihrer Blogroll hinzu, erzählen ihren Freunden von mir. Großartige Momente, die ich nicht missen wollte, auch wenn es nur Beiwerk ist.
Er wartet auf eine Antwort. Ich will kein Geld für meine Texte verlangen. Ich mag Geld allgemein nicht, es erscheint mir jedoch notwendig, um in dieser Welt zu leben und es vereinfacht viele Dinge. “Du kannst einen Spendenbutton einbauen.” Das könnte ich. Vielleicht mache ich es irgendwann, doch es liegt mir nicht um Spenden zu bitten. Im Moment habe ich das Geld mir das Schreiben zu leisten. Er meint, dass er auch nicht nur meinen Blog gemeint hat. Ich könnte für Magazine schreiben, für Zeitungen, vielleicht ein Buch. Verlegen blicke ich auf den Tisch. Die Gedanken sind in meinem Kopf Stammgäste. In den letzten Wochen kamen sie seltener, aber sie kamen. Ich möchte Freiheit haben beim schreiben. Was ich schreibe und wie ich es schreibe soll alleine meine Entscheidung sein. Ich habe bei mehreren Projekten mitgearbeitet, wo ich schreiben konnte. Jedoch eingepfercht in eine Struktur, in ein Korsett aus Vorgaben. Das ist nicht meine Welt, nicht im Moment. Es müsste ein besonderes Magazin sein, an Zeitungen glaube ich nicht. Schreiben um Geld zu verdienen ist weder mit meinem Kopf noch dem Bauch kompatibel. Ein Buch würde mich reizen, aber bisher hatte ich noch nicht das Verlangen eines zu schreiben. Die Texte sind kurz und nur selten in einem Stil, der auf gedruckten Papier überleben könnte. Sie gehören hierher. Falls einmal jemand anderer Meinung ist, kann er das ändern. Ich werde keine Energie dahingehend einsetzen.
Es ist ein Zweifeln an mir selbst. Ich habe Angst zu versagen und solange ich das Schreiben nicht mit Geld oder Zielen verbinde, kann ich nicht versagen. Es kann mir jemand schreiben, dass er schlecht findet, was ich schreibe, aber ich kann antworten, dass es gar nicht für ihn ist. Ich kann keine Leser haben und sagen, dass ich für mich selbst schreibe. Ich kann nicht versagen.
Er will nicht locker lassen, erzählt von anderen Leuten, die sich mit ihrem Blog selbständig gemacht haben. Zeigt kurz in den englischen Sprachraum. Ich muss grinsen und schüttle leicht den Kopf. Wien ist nicht New York. Ich schreibe über das Leben, über mich, über Dinge, die ich sehe. Nicht über Geld, nicht über das Web, nicht über Dinge, für die Menschen Geld ausgeben würden. Ginge es um Handies wäre es kein großes Problem durch Tests eine kleine Summe dazuzuverdienen. Würde ich Webdienste testen, könnte ich mit Empfehlung etwas verdienen. Aber auch ohne bestimmten Themen lässt sich Werbung verkaufen. Das möchte ich hier aber nicht. Ich will keine bunten Bilder in oder neben meinen Texten. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es mir nicht gefällt und ich die Texte als solche mag. Davon abgesehen sind die Leserzahlen gar nicht hoch genug, um interessant für den Direktverkauf von Werbeplätzen zu sein. Blogger im deutschsprachigen Raum, verlassen sich nicht rein auf ihre Blogs. Sie nutzen den Blog um bekannt zu werden und dann verwandte Dinge zu machen. Sie haben bezahlte Texte, was mich hier nicht interessiert. Sie sind Selbstdarsteller. Ich möchte aber meine Texte darstellen, nicht mich.
Traurig blickt er mich an. “In dir steckt so viel Potential. Viele Menschen, inklusive mir, wären froh, wenn sie so schreiben könnten. Ich will nur nicht, dass du es vergeudest.” Das Gegenteil ist der Fall. Es mag sein, dass ich nicht so viel schreibe, wie ich könnte, dass ich es nicht zu Geld mache, auch wenn es möglich wäre, dass meine Arbeit nur am Rande mit schreiben zu tun hat, aber eine Sache darf man nie vergessen. Ich schreibe. Ich schreibe und millionen Menschen haben die Möglichkeit meine Texte zu kopieren, verschicken, weiterschreiben, kommentieren, verlinken oder einfach zu lesen.
19. September 2009 um 11:30 |
Als ich vorsichtig die Türe aufschiebe sitzt sie alleine auf dem Sofa. Tränen laufen über ihre Wangen, die Füße angewinkelt, die Augen geschlossen. Mein Blick bleibt in ihrem Gesicht hängen, streicht kurz über ihre Nase, ihren Mund und über die Wangen zurück zu den Augen. Schwarze Striche hinterlassen die Tropfen bevor sie hinunterfallen. Ich komme näher. Schritt für Schritt. Sie hört mich nicht.
Aus meinem Hinterkopf hole ich das Bild vom letzten Sommer hervor. Als wir in der Abendsonne auf einer Bank gesessen sind. Nur wir zwei. Die Wolken in einem rotorangen Schein. Laubbäume um uns herum, eine kleine Wiese. Wenn man ein paar Dutzend Schritte nach vorne geht, kann man den Hügel hinabschauen, durch das kleine Tal und auf der anderen Seite wieder hinauf. Es ist nicht tief und die Hügel haben mit den Bergen meiner Heimat nur wenig gemein. Aber ich mag die Gegend. Sie ist so sanft und im Licht der Abendsonne noch weicher als sonst.
Ich strecke meinen Arm aus, möchte über ihren Kopf streichen, doch erreiche sie nicht. Sie kann mich nicht hören. Mit leeren Augen setze ich mich neben sie auf das Sofa, lehne mich an sie an, umarme sie. Das leise Schluchzen umschnürt meine Brust, hält meinen Atem fest und drückt auf mein Herz. “Weine nicht”, möchte ich ihr ins Ohr flüstern, “ich bin da. Ich bin immer da.” Es geht nicht. Unsere Welten sind eins und doch kann ich sie nicht halten.
Wir stehen in der Küche, sie lacht. Mit einer Serviette wische ich mir die Soße aus dem Gesicht, während sie schon wieder weiter rührt. Ich stehe hinter ihr, küsse sanft ihren Nacken, spüre ihr lächeln. Sie dreht sich um, wir umarmen uns.
Dann steht sie auf. Obwohl ich mich lange gesträubt habe, weil ich nicht wollte, dass sie so wird wie ich, habe ich ihr ein Stück von meiner Hülle geschenkt. An der so viele abprallt. Weil man manchmal nicht die Kraft hat sich damit auseinanderzusetzen, weil man es nicht kann, wenn es einem zu nahe kommt. Sie wischt die Tränen aus ihrem Gesicht und geht auf den Balkon. Als sie in die Ferne blickt, kann ich ein kleines Lächeln erkennen.
15. September 2009 um 02:17 |
Die Zeit vergeht. Wir bleiben.
Als eine Kollegin heute meinte, dass ich jetzt auch alt werde, sind wieder Bilder durch meinen Kopf geblitzt. Ich habe in den letzten Jahren viel erlebt, mich verändert und bin im Kern gleich geblieben. Es ist das Leben das mich gelüstet. Das Sein und Vergehen. Wir sind hier und wir sind jetzt. Niemals allein.
Die Schnüre einer Welt. Sie liegen nicht in einer Hand, sie sind nicht bei den sogenannten mächtigen, sondern bei mir. Ich kann und ich werde. Es ist meine Welt. Ich habe sie geschaffen und ich kann sie zerstören. Langsam gleitet der weiche Stoff durch meine Hände. Ich setze mich auf den Boden, die Beine überkreuzt. An mir rauschen die Autos vorbei. Sie sehen mich nicht und ich nehme nur ihre verschwommen Silhoutten wahr. Tick Tack. Tick Tack. Ich lege mich auf den Rücken. Der Regen läuft über mein Gesicht, kitzelt in den Ohren. Die Haare kleben auf der Haut. Aufstehen und losgehen. Die Lichter leuchten an mir vorbei, ihr Schein erfasst mich nicht. Beginne zu schweben. Stück für Stück dem Himmel entgegen. Erst als ich das höchste Dach hinter mir gelassen habe, beginne ich zu laufen. Springe durch die Wolken, lasse mich nach unten gleiten, um wieder hinaufzurutschen. Am Horizont kommt der gelbe Koloss zum Vorschein. Ich muss lächeln. Setze mich auf das Eck eines Daches. Die letzten Tropfen zerschlagen das Licht, lassen es in all seinen Farben glitzern. Meine Beine schwingen zur Musik, die aus der Strasse kommt, mich sanft umweht und dann weiterzieht. Ich lasse mich zu Boden sinken.
Die ersten Menschen kommen aus den Häusern. Sie sperren Läden und Geschäfte auf, manche grummlig, andere fröhlich. Eilig hasten sie den Schacht hinunter, springen in die dampfgetrieben Kutschen. Einer nach dem anderen. Ich springe auf und gebe Gas. Die Häuser ziehen an uns vorbei. Mal klein, mal groß. Oft grau, manchmal rot. Über dir Brücke auf das Land hinaus. Die Äcker sind in voller Blüte. Sonnenblumen, räkeln sich dem Licht entgegen. Im Wald grüßen uns die Vögel. Ich springe ab. Lasse mich auf einem Ast nieder und beobachte das Treiben. Zwei Hasen jagen über das saftige Grün, ein Reh steht auf der Lichtung, genießt die Wärme. Ich beginne zu laufen, durch das Dickicht, über Stock und Stein. Immer schneller, immer wilder. Äste streifen mich, andere weichen zurück. Ich bin nur noch ein Luftzug, der sich seinen Weg durch feine Blätter bahnt. Kraftvoll fahre ich durch die vollen Ähren, die hinter mir noch lange schwanken. Nur wenige Zentimeter über den Boden sause ich über die Landschaft.
Der Berg wird steiler, ich langsamer. Das Rad versucht sich aufzustellen, bockig wie ein Pferd. Ich lehne mich nach vorne, berühge es und schnaufe weiter. Umdrehung für Umdrehung, bis ich oben ankomme. Der Gipfel verziehrt mit einem großen Stein. Ich gehe einmal rundherum, bevor ich hinaufklettere und meine Jause auspacke. Mit großen Schlücken lehre ich die Flasche bevor ich mich wieder auf den Sattel setze. Einmal die Strecke im Kopf durchgehen, sich runterstürzen und den Fahrtwind genießen, wie er an den Haaren zieht. Die Räder beginnen zu flattern, ich drücke mich nach unten, der Wind das Rad. Vor den Kurven ein leichtes Bremsen, sich auf die Seite legen und durchziehen.
Die Stadt macht Feierabend. Ich schleiche die Treppe hinauf, mein Kopf zerzaust. Als ich den Schlüssel umdrehe, höre ich ihre Schritte. Sie fällt mir um den Hals, hält mich fest. “Alles Gute”, haucht sie mir ins Ohr. Ich schließe die Augen und küsse sie. Es ist unser Abend. Unser Jahr. Unser Leben. Bis spät in die Nacht liegen wir auf der Dachterasse, blicken in den Sternenhimmel und sind einfach da.
08. September 2009 um 17:17 |
Ich kann mich nur schwer im Sessel halten. Am liebsten würde ich aufspringen, ein paar Dinge durchs Zimmer treten, laut aufbrüllen, gegen die Wand schlagen und aus dem Fenster springen. Nur um den erstbesten Passanten an den Schultern rütteln um zu erfahren warum. Vielleicht sollte ich aber auch nicht gleich ausrasten, mir ein paar Minuten geben, das ganze überdenken, dann in den Zug steigen, oder besser ein Auto, ohne Rücksicht auf Geschwindigkeitsbegrenzungen Richtung Norden fahren um ein ein paar Stunden, noch nicht wirklich beruhigt, sondern die Wut zwischengespeichert in einer deutschen Stadt mit quietschenden Reifen stehen bleiben. Ich würde die Türe aufreißen, den Typen aus seinem Wagen zerren und ihn anschreien, was er sich dabei eigentlich denkt. Je nach vorhandenen Personen, die mich vor meinen nächsten Handlungen bewahren, indem sie mich festhalten und kaltes Wasser über den Kopf leere, würde ich weiter auf ihn losgehen. Es wäre mir egal, ob ich auch nur irgendetwas ausrichten könnte, ob ich mich strafbar mache oder er mich immer wieder gegen den harten Asphalt schleudert.
Nicht mehr ruhig sitzen. Gelähmtheit der Machtlosigkeit.
Die letzten Wochen waren voller Stress. Ich bin selten vor zwei ins Bett gekommen und meist zwischen fünf und sechs aufgestanden. Um mein bestes zu geben. Um allen zu helfen, alle zufrieden zu stellen. Nicht darauf achtend, was für mich wichtig ist. Für die anderen. Ich glaube, dass es das richtige ist. Dass ich selbst nur zähle, wenn ich es für andere tue. Als Freund. Als Mitarbeiter. Als Sohn.
Übertreiben. Bis man sich nicht mehr erinnern kann, wann man das letzte Mal geschrieben hat. Alles ist so weit weg. Die eigene Welt. Sie ist stehen geblieben, weil man versucht sich in anderen zu etablieren. Das eigene Wertsystem nur noch ein Artefakt auf einem riesigen Bild. Ein Video, das sich ständig bewegt und langsam die Farbe verliert. Gezeichnet von fremden Einflüssen. Vom Glauben der anderen.
Meine Wangen glühen. Ich spüre meine kalten Hände. Sie drücken den Kopf zusammen, zerren an den Haaren, verkrampfen sich im Fleisch. Der Schmerz beruhigt. Holt mich wieder in meinen Stuhl zurück. Flimmernde Bilder vor meinen Augen. Er liegt am Boden. Blaulicht. Immer wieder werde ich geblendet. Leere Gesichter. Eine Stimme hinter mir sagt, dass dies keine Lösung ist. Ich will es nicht hören. Nur die Ruhe. Sein röcheln, während er auf die Liege gehievt wird. Zwei Santäter stehen neben ihm, ein Polizist wartet darauf, dass ich seine Frage beantworte, ich setze mich auf den Boden. Er ist noch warm von der Abendsonne. Der Wind lässt die Sträuche sanft schaukeln. Mein Atem hat sich beruhigt, irgendjemand hat das Auto auf die Seite gestellt. Es ist vorbei.
Drei Jahre Einsamkeit und 50.000€ Schmerzensgeld.