24. August 2009 um 21:10 |
Es gibt keine Generation Y. Wir waren Menschen zwischen 14 und 41. Wir schrieben darüber, dass man sich vor Öffentlichkeit nicht fürchten müsse. Dass wir, solange wir es selbst bestimmen können was wir veröffentlichen kein Problem damit haben über innerste Gefühle zu schreiben und mit unserem Namen, unserem Bild dafür zu stehen. Ich habe mich frei gefühlt. Ich habe mich wohl gefühlt.
Störenfriede gab es schon immer. Wir nannten sie Trolle, ignorierten oder löschten sie. Manchmal machte man sich auch über sie lustig, aber das hat ihr Interesse meist nur noch gestärkt. Ich habe mich sogar mehrmals auf ihre Seite gewagt. Habe das gemacht, wofür ich sie nicht mochte. Doch in einer sicheren Umgebung. Nach Trollregeln.
Mein Blog hat mir alles bedeutet. Ich habe mich mit ihm und in ihm entwickelt. Ich habe Stöckchen und Wattebäusche durch die Gegend geworfen und gefangen. Ich habe das innen nach außen gestülpt. Habe über Probleme und Hoffnungen geschrieben. Habe geheult und gelacht. Nächtelang habe ich Blogs gelesen. Kommentare geschrieben. Mit viel Liebe und manchmal etwas Wut. Im Blog stand wann ich aufstehe und wann ich schlafen gehe, was ich am liebsten esse und was ich nicht ausstehen kann, was ich in meinem Leben noch machen möchte und was nie wieder. Ich, Vorname Nachname.
Man hat sich über fehlendes Verständnis bei Bekannten aufgeregt. Dass sie es als dumm oder gar schädlich bezeichnet haben, dass man so viel von sich in diesem Internet preis gibt. Ich habe versucht zu erklären, doch mehr als ein mildes nicken habe ich nie bekommen. Es war nicht zu vermitteln, dass ich mich mit vielen Menschen in diesem Internet stärker verbunden fühle, als Personen, die ich täglich sehe. Selbst nachdem ich immer mehr aus diesem Internet getroffen habe, war es für sie unverständlich. Ich habe mich so großartig mit ihnen verstanden und wollte noch viel mehr treffen. Doch es hat sich etwas verändert.
Es gibt keine Generation Y. Wir waren Menschen.
Die Leserzahlen sind gewachsen. Die Kommentare, die Verlinkungen, die Aufmerksamkeit. Dann ist die Werbung gekommen. Ich hatte kein Problem damit. Was gekennzeichnet ist, geht. Zeitung, Radio, Fernsehen. Ich habe alles mitgemacht. Freundlich in die Kamera gegrinst und mich gefreut, dass sich so viele dafür interessieren was ich schreibe. Doch sie haben es nicht. Sie haben es sich eingebildet. Es wurde ihnen gesagt, dass da etwas passiert und sie wollten auch teil davon sein. Sie haben sich dazugesetzt und über Dinge geredet, von denen sie nichts verstanden haben. Sie haben sich eingemischt und die Hintergründe zu kennen. Ich habe versucht sie zu ignorieren. Ich habe versucht weiter für mich und die die mir wichtig waren zu schreiben. Doch es ging nicht. Ich konnte die Augen nicht verschließen, ich habe die Zahlen gesehen, ich bin süchtig geworden. Habe mich aufgegeben. Habe das bloggen aufgegeben und für die Zahlen geschrieben. Habe Geld bekommen. Auch wenn ich mich an die eigenen Regeln gehalten habe, war es nie wieder wie früher. Die Unbeschwertheit ist verloren gegangen. Auch die Leidenschaft hat darunter gelitten. Ich habe weniger geschrieben. Mich selbst außen vor gelassen. Inzwischen hatte ich eine Arbeit. Auch wenn meine Geschäftspartner bloggen großartig fanden, wurde ich nach persönlichen Beiträgen immer wieder darauf hingewiesen, dass ich so etwas nicht schreiben solle. Dass das kein gutes Licht auf mich wirft. Ich habe immer gesagt, dass es mich menschlich macht. Dass es das ist, was mir in den Sinn kommt. Doch ich konnte nicht mehr. Ich hatte ständig bedenken. Bei jedem Satz den ich geschrieben habe. Es fehlte vorne und hinten. Kein totales aufgehen in den Worten, kein Flow, der mich mitreißt bis ich nicht mehr weiß wie spät es ist, der mich nur so über die Tastatur fliegen lässt und ein einmaliges Gefühl hinterlässt. Wie guter Sex.
Verdammt ich will nicht mehr. Das System, die Gesellschaft und die Menschen. Es reicht mir. Einfach alles hinwerfen, einen Block nehmen und für mich selbst zu schreiben. Doch das habe ich zuvor auch nicht gemacht. So ist es mir auch nicht danach gelungen. Es war etwas anderes. Ich brauchte Publikum. Ich wollte mich darstellen. Ich wollte teilen und nicht nur mit toten Papier. So habe ich begonnen die Zettel liegen zu lassen. In Cafés, im Zug, auf der Universität, bei Veranstaltungen. Ich wusste nicht wer es ließt, ob es jemals jemand liest. Aber es war nicht mehr verschwendet. Es war mehr als nur für mich selbst.
Ich will mich nicht mehr erklären müssen. Ich will nicht mehr dastehen und nicht wissen was ich sage. Ich kann nicht mehr mit meinem Namen dafür stehen was ich schreibe. Zuvor habe ich mitangesehen wie andere Blogger, die gern, sehr gern las sich zurückzogen. Entweder komplett aufgehört haben, nicht mehr über sich schrieben, einen anonymen Blog starteten von dem sie niemanden etwas gesagt haben. Oder wie ich nur noch über unpersönlichen Allgemeinkram geschrieben haben. Professionalisierung der Blogosphäre. Das könnt ihr euch sonst wo hinschieben. Die Offenheit wurde getötet, weil ihr der Meinung wart, dass man das nicht tut und man die Menschen deshalb in alle Einzelteile zerlegen musste. Scheiße. Natürlich ist das polemischer Unsinn und ich kann mich nur an die guten Dinge erinnern, aber so fühlt es sich an. Gefühle. Wisst ihr noch was das ist? Das tief in euch drinnen, das euch leitet und wirklich verantwortlich ist. Was wir täglich versuchen mit Rationalität zu überspielen, zu unterdrücken. Es wird niemals verschwinden und ich habe genug davon es in meinen Texten zu unterdrücken. Das alles bin ich.
Wir sind noch da. Und wir bleiben.
18. August 2009 um 20:08 |
Heute möchte ich von einem Jungen Mann erzählen, der sich in seiner Pubertät sehr unglücklich verliebt hatte und wie Jahre später daran erinnerte.
Wir nennen ihn der Einfachheit halber Klaus, so hätten ihn seine Eltern beinahe genannt und es hab eine Zeit, wo er den Namen richtig gerne hatte, aber die ist schon lange vorbei. Inzwischen ist Klaus fast einundzwanzig Jahre alt und lebt in einer Millionenstadt. Er teilt sich eine kleine Wohnung mit einem Freund, den er auf einer Veranstaltung kennen gelernt hat, bei der er für die Technik zuständig war. Darin ist Klaus recht gut. Er kann mit leblosen Dingen umgehen. Egal ob es sich dabei um ein Stück Holz handelt, das Kontakt zu anderen sucht oder einem dünnen Stück Plastik, das mit elektrischen Leitern überseht ist und sich über eine Scheibe mit bewegten Bildern bedienen lässt. Als Klaus gerade ins Gymnasium kam hat er die vernetzten Platinenbildschirme für sich entdeckt. Obwohl es dabei mehr um die Menschen, die dahinter saßen, ging als um das Ding selbst. Aber es hat immer eine Rolle gespielt. Dieses nur schwer zu fassende Ungetüm aus Daten und Energie. Klaus hatte sich dort ein Spielgerät für den Fernseher gekauft. Damit konnte er mit anderen Menschen über das vernetzte Platinending spielen. Das machte er meist nachts, wenn seine Eltern schon schliefen, weil die nicht immer wissen sollten, was für Spiele er in sein Spielgerät legte. Da flogen gelbe und rote Punkte durch die Gegend und laute Geräusche kamen durch die Kopfhörer mit Sprechfunktion, die Klaus sich besorgt hatte. Zweimal traf er sich mit diesen Menschen, mit denen er die Nächte verbrachte.
Bevor ein falsches Bild entsteht, das gar nicht so falsch ist, muss man sagen, dass Klaus auch Freunde unter den Menschen hatte, die er unter der Woche täglich traf. Manche kannte er noch aus seiner späten Kindheit, andere erst seit kurzem. Darunter, nicht unter den Freunden aber unter den Menschen, die er unter der Woche täglich sah, befand sich auch ein Mädchen, das Klaus gut gefiel. Er wollte ihr näher kommen, doch war er darin nicht besonders geschickt. Eher im Gegenteil. Er steckte ihr Dinge in die Tasche, die er in einem Geschäft nahe der Schule gekauft hatte und der Meinung war, dass diese sehr gut schmeckten. Zu Beginn einfach so. Später gab er Zettel mit ein paar Worten dazu. Er mochte schreiben nicht besonders und war darin auch nicht sehr gut. Irgendwann begann er sie in den kleinen Nachrichten Silberschiff zu nennen. Das verstand sie nicht. Auch nicht ihre Freundinnen, denen sie alle Nachrichten zeigte und sich über Klaus etwas lustig machte. Dadurch bekamen auch die männlichen Wesen in der Klasse davon mit und es dauerte nicht lange bis man Klaus als Urheber erkannte. Die restlichen Jahre wurde er damit aufgezogen, was ihm sehr weh tat, weil er in dem Namen sehr viel sah und das Mädchen weitere sieben Jahre gut fand.
In diesen Jahren ist viel passiert. Das Mädchen hatte viele männliche Begleiter an ihrer Seite. Klaus war nie unter ihnen. Dennoch wurde von ihr zu Geburtstagen eingeladen. Jedes Lächeln verstand er als Zeichen. Umso mehr schmerzte es ihn, als er erfuhr, wie das Mädchen über ihn sprach, wenn er nicht in der Nähe war. Er lud sie auch zu sich ein. Nie alleine. Aber zu Parties. Zweimal auf die Hütte seines Onkels. Wenn man mit ihnen feierte fiel es einem nur auf, wenn man ihn ganz genau beobachtete. Wie sein Blick ihr eine Sekunde länger folgte als nötig, wie er ihre Nähe suchte, aber nie zu nahe kam. Wie er ihre Worte aufsaugte und sich wünschte sie würde ewig weitersprechen. Klaus war verliebt. Doch seine Liebe blieb unerwidert. Nicht einmal einen anständigen Korb bekam er von ihr.
Klaus wurde älter. Er suchte nicht mehr so intensiv ihre Nähe. Vor dem Einschlafen dachte er oft an sie. Er hatte ihren Namen mit Leuchtfarbe an seine Zimmerdecke geschrieben. Nicht die beste Idee, aber es gefiel ihm.
Als er in die Oberstufe kam, begann er zu schreiben. Öffentlich auf einer Website. Er schrieb darüber, was er täglich erlebte, was ihm gefiel und was nicht. Was er dachte. Und so schrieb Klaus auch über das Mädchen. Es war nie ihr Name zu lesen, aber alle die ihn kannten, wussten wen er meinte. Die Texte waren traurig. Manche auch grausam. So grausam, dass das Mädchen die Seite ihrer Mutter zeigte und Klaus einen Besuch bei einem Psychiater nahe legte. Das verwirrte ihn zuerst. Dann war es aber egal. Er wusste, dass es seine Texte waren. Doch die Worte drückten seine Gefühle aus, nicht seine Realität. Er schrieb weiter. Er bemitleidete sich gerne selbst. Schrieb jedoch auch über postive Dinge. Es machte ihm Freude. Immer mehr Leute lasen, was er schrieb. Er wurde von anderen Mädchen angeschrieben, doch in seinem Kopf war noch immer dieses eine. Er sah sie noch immer jeden Tag unter der Woche.
Das Ende seiner Gefühle für sie kam sehr abrupt, als er von einem besten Freund erfuhr, dass dieser mit ihr einen Kurztrip gemacht hatte und sie beinahe miteinander geschlafen hätten. Klaus war erleichtert. Sie war zwar nicht aus seinem Kopf verschwunden, aber er wollte nichts mehr von ihr. Ihm war wichtiger, dass sein Freund glücklich war. Doch die Beziehung zwischen ihr und seinem Freund dauerte nicht lange. Dann verblasste das Bild, das er von ihr hatte immer weiter. Ein neues nahm dessen Platz ein. Er erinnerte sich, wie sie seine Verliebtheit ausgenutzt hatte um an vertrauliche Informationen zu kommen. Wie sie sich über ihn lustig gemacht hatte und wie wenig sie verstanden hatte von dem, was er schrieb. Sie war nicht die Person, der er sieben Jahre seines Lebens geschenkt hatte. Lediglich ihre Hülle diente ihm als Gerüst für das Mädchen, das er lieben wollte.