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Archiv für Juli, 2009

Die Welt brennt

Ich traue mich nicht die Augen zu öffnen. Keine Minute die ich geschlafen habe, keine Sekunde, in der ich nicht die Bilder der letzten Tage vor Augen hatte. Steine. Blut. Waffen.

Das grüne Meer.

Es hat vor zwei Wochen begonnen. Die große Wahl. Ich hatte mich schon zuvor für Politik interessiert, aber nicht besonders viel Hoffnung gehabt, dass sich in diesem Land etwas ändern wird. Dank der Universität hatten wir Zugang zur westlichen Welt. Über Proxies konnten wir auch auf von dem Regime gesperrte Internetseiten zugreifen und uns mit Menschen außerhalb des Landes unterhalten. Noch zwei Semester, dann hätte ich meinen Abschluss gehabt und das Land verlassen können. Gemeinsam mit zwei Freunden hatte ich schon geplant, dass wir zuerst nach Europa gehen würden. Um Asyl ansuchen. Als Akademiker sollte es nicht zu schwer sein, wurde mir gesagt. Hier hält mich nicht mehr viel. Meine Eltern leben am Land und seit ich an der Universität bin, habe ich fast keinen Kontakt mehr zu ihnen. Sie kennen die Welt da draußen nicht und wollen sie auch nicht kennen lernen. Ihre Ansichten entfernen sich immer weiter von den meinigen und solange es ihnen gut geht, habe ich auch nichts dagegen. Aber mir reicht dies nicht. Unsere Rechte wurden in den letzten Jahren immer weiter eingeschränkt. Das Land hat sich von der restlichen Welt abgekapselt und der Präsident hat durch seine hasserfüllten Worte dafür gesorgt, dass niemand mehr etwas mit uns zu tun haben will. Wäre da nicht das Öl hätte man sich schon längst von uns abgewandt oder den Hass nicht akzeptiert. Doch das ist seine Macht, seine Waffe gegenüber den anderen Ländern. Sie sind abhängig. Manchmal stelle ich mir vor, was passieren würde, wenn die Quellen versiegen würden. Wenn sich die Länder vollends abwenden und er sich keine Stimmen mehr durch Essensmarken kaufen kann, weil kein Essen mehr da ist. Wenn das Regime sich seine Freunde nicht mehr kaufen kann. Vermutlich würde das Land in einen Bürgerkrieg verfallen bis nichts mehr da ist und dann in Armut vor sich hinvegetieren. Alles nur wirre Gedanken.

Bei der Wahl hat sich jedoch gezeigt, dass mehr Menschen eine Veränderung wollen. Auch wenn der Präsident nur minimale Macht hat, kann er etwas in dem Land verändern. Er ist das Sprachrohr nach außen. Er kann die Rechte der Menschen ein bisschen vergrößern. Aus den Umfragen ging hervor, dass unser Kandidat (in Wirklichkeit ist er auch nur das kleinere Übel) gewinnen wird. Doch bevor das Ergebnis offiziell bekannt gegeben wurde, hat er sich selbst zum Gewinner erklärt. Ich weiß nicht, aber vermute, dass er Informationen hatte, dass die Wahl zu seinen Gunsten ausgehen würde. Ich war damit nicht einverstanden. Es warf kein gutes Licht auf die Wahl. Egal wie wahrscheinlich sein Sieg gewesen ist. Wenig später verkündigte der aktuelle Präsident, dass er gewonnen hätte und wurde von offizieller Seite bestätigt.

Wir sitzen zu dritt im kleinen Gemeinschaftsraum und starren fassungslos auf den Bildschirm. Mit einem Erdrutschsieg soll er gewonnen haben. Dank der ländlichen Bevölkerung. “Zwei Drittel leben in den Städten”, schreit Masood. Ich schüttle den Kopf. Wir hören aus den Zimmern weitere Studenten rufen. Niemand versteht das Ergebnis. Niemand akzeptiert es. Ich klappe den Laptop auf, schreibe ein paar Worte zu dem unverständlichen Ergebnis und sehe schon die Meldungen von anderen Personen aufpoppen. Es wird von Betrug geschrieben. Ich klicke herum, scrolle über die Seiten. Es gibt eine Kundgebung von unserem Kandidaten. In nicht einmal einer Stunde. Masuud ist mit Khen schon aufgestanden und diskutiert mit einigen anderen Studenten. Als ich aufstehe, kommen sie wieder rein und sagen mir, dass wir in einer viertel Stunde losgehen. Ich soll mir etwas grünes, die Farbe unseres Kandidaten, anziehen und mich beeilen.

In meinem Zimmer wühle ich etwas in meinen Sachen, dann habe ich mein grünes Shirt gefunden. Vorne steht Puma drauf, ich habe es mir damals spontan gekauft, als mir eine Freundin versehentlich Kaffee über mein Hemd geleert hat und wir keine Zeit mehr hatten, ins Heim zurückzufahren. Aber das spielt im Moment keine Rolle. Hauptsache grün.

Masood und Khen warten schon ungeduldig in der Haupthalle auf mich, als ich die Treppe herunterkomme. “Die anderen sind alle schon weg. Wo bleibst du denn?” Es ist ein schöner Tag. Etwas zu heiß für meinen Geschmack. Im Bus erzähle ich den anderen von den Gerüchten zum Wahlbetrug. Für sie ist es gar keine Frage. Lediglich wer es war und wem es am meisten nutzt sei wichtig. Ich werfe ein, dass es sein könnte, dass der aktuelle Präsident gewonnen hat, aber die Höhe seines Siegs ist unwahrscheinlich. Auch der Abstand zum Drittgereihten wirft Fragen auf. Während wir uns noch über die Hintergründe unterhalten, bleibt der Bus stehen. Es gib kein Weiterkommen mehr, überall sind Menschen. Wir steigen aus und gehen mit der Masse mit.

Inspiriert von Iranian Student

Kaputte Worte

Wochen später ein neuer Versuch. Ich stehe noch immer am Anfang, bin nicht darüber hinaus gekommen und tue mir schwer. Mit jedem Wort. Es wird besser. Nach zig verworfenen Zeilen und vielen Tweets um mich selbst abzureagieren.

Ich erinnere mich an die Geschichten, die ich einmal geschrieben habe. Wie leicht es mir von der Hand gegangen ist. Ich musste mich einfach nur hinsetzen und schon flossen die Worte aus meinen Händen in den Computer. Keine Überlegung, ob das da auch passt oder es besser wäre, wenn ich es an das Ende des Satzes stellen sollte. Manchmal einen Rechtschreibfehler ausgebessert, aber im Großen und Ganzen waren es Texte aus einem Guss. Einem einzelnen. Sie haben mich je nach länge ein paar Minuten bis Stunden gekostet. Oder gegeben. Wie in Trance. Die besten Drogen, die ich je genommen habe. Bekommen habe.

Lichtblicke. Mit der richtigen Musik. Der Fuß gibt die Tastenanschläge vor. Nicht synchron, doch es hilft. Den Kopf mit Dingen beschäftigen, die er machen kann ohne mich beim schreiben abzulenken. Ich muss mich selbst manipulieren um die Sätze aus dem Kopf zu bekommen. Mit jedem spüre ich die Erleichterung. Es fängt wieder an gut zu werden. Besser zu werden. Denn gut war ich noch nie. Nur ein paar Texte, die ich mag. Die ich wieder einmal ausgraben könnte. Wie ein sehr geschätzter Autor erneuern, erweitern und wieder in die Menge werfen. Es tut gut etwas tun zu können ohne einem Ziel dahinter. Nur das loswerden von Wörtern. Das wiederfinden von ihnen und eins zu werden mit dem Text. Um ihn von sich zu stoßen und wieder frei zu sein.

Wenn er fertig ist werde ich ihn nicht mehr durchlesen, ich werde mir keine Gedanken machen, dass er doch nur wieder über das schreiben selbst ist und ich noch nicht wieder fähig bin Erlebnisse in Texte zu verwandeln. Ich tippe nur um zu tippen und es spielt keine Rolle. Ich schreibe für mich. Zumindest diesen einen Text und ich bin mir sicher, dass es den einen oder anderen gibt, der sich auch daran erfreuen kann. Zugleich weiß ich, dass es viele gibt, die darauf warten, dass ich wieder schreibe, wie ich es früher einmal getan habe, aber dazu wird es nicht mehr kommen. Ich werde nie wieder schreiben wie damals. Dafür ist zu viel passiert. Ich habe mich verändert, entwickelt. Dinge getan, die ich zuvor nicht einmal beschreiben konnte. Entscheidungen getroffen, die mein Leben einschnüren und mir doch nur wieder neue Möglichkeiten bieten. Weit weg von meinen einstigen Träumen, näher an denen, die ich jeden Tag erlebe. Es ist wunderbar und es fehlt mir nur wenig.

Ich will nicht perfekt sein. Mein angeblich so kaputter Geist gibt mir Freiheiten. Und er hilft Dinge zu lösen, die man nicht lösen kann. Neu denken. Und Bullshitbingo kann ich trotzdem spielen. Wenn ich mit anderen Menschen rede. Ständig auf der Suche nach den Persönlichkeiten hinter den Masken. Den Dingen, die sie versuchen zu verbergen. Sie langsam aufbrechen. Ich bin selbst ein offenes Buch, in dem man zwischen den Zeilen lesen könnte. Doch man muss es auch wollen. Man muss sich dafür interessieren und irgendwann umblättern, sonst wird man nicht erfahren wie es weitergeht. Das Ende ist noch nicht geschrieben.

Alles ist ein Entwurf. Auch dieses Leben.

Es fühlt sich noch etwas eigen an, aber ich glaube es ist gut. Nicht gewöhnt. Eine neue Situation. Immer wieder. Ich suche danach, bekomme sie. Ich lebe sie. Versuche es zumindest. Und dann drehe ich mich wieder um und lächle in ihr Gesicht. Es tut so gut zu wissen, dass jemand da ist.

Die Uhr geht eine Stunde falsch. Die innere. Ich war mir nicht sicher, ob ich es wirklich noch schaffe. Wieder anzufangen. Und dann nehme ich die Entwürfe, die sich über die letzten Monate angesammelt haben. Einen nach dem anderen gehe ich durch und veröffentliche sie. Oder lösche.

Danke.

Hinterseite

Ich war nicht weg und werde es auch nicht sein. Das ganze macht zuviel Spaß um es zu verpassen. Wieder ein paar Versuche am Laufen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich dabei erlebe. Mein Verhalten ist grenzwertig, aber es kommt niemand zu schaden. Außer ein paar. Mir geht es stärker darum zu erfahren, wie ich Dinge erreichen kann. Ich poliere meine Ego auf, indem ich mit ihnen spiele. Manche sagen, es wäre falsch.

(24.10.2007)