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Archiv für April, 2009

Jugendliche

Immer wieder fliegt man durch fremde Welten, man ist sich nicht sicher, ob das alles war ist oder nur eine Wahnvorstellung des eigenen Geistes, der sich selbst verwirrt und in einer Spirale des Wahnsinns immer weiter treibt. Ein kurzes Schließen der Augen bringt jedoch nicht die erhoffte Erleichterung in Form eines Aufwachens oder zumindest realisieren der Fiktion, stattdessen sitzt man in seinem Sitz. Neben einen eine Gruppe Jugendlicher. Zu Beginn hat man sich noch daran erinnert, wie man selbst einmal war. Die Phase der Verliebt sein und Klassenintrigen. Doch dann bemerkt man, dass man plötzlich auf der anderen Seite sitzt. Man ist bei den Coolen gelandet. Bekommt mit, wie sie sich über die anderen aufregen, wie sie sie schlecht reden und dabei so lächerlich wirken. Jedoch nur wenn man nicht drinnen ist. Man kann es sich nicht vorstellen, wie es sein könnte dazuzugehören. Und wenn man es tut, möchte man sogleich wieder aus der Rolle ausbrechen. Das einzige, das das zeigt ist das Unvermögen, wirklicher Vorstellung, wie es sich anfühlt. Zugehörigkeit. Gemeinsame Feinde.

Auf dem Kopf eine Kappe immer. Um seine Position zu stärken. Cool sein. Im Sinne der aktuellen Modevorstellung vorne mit dabei. Es ist toll, wenn man nicht sprechen kann. Es gibt Applaus, wenn man triviale Argumente liefert anstatt immer wieder das gleiche Wort zu wiederholen. Es geht um Beziehungen oder so etwas ähnlichem. Man zieht gemeinsam Schlüsse aus den angeblichen Annäherungsversuchen. Vorsichtige Vorstöße in das Thema Sex, wenn es einem zu viel wird, sofort die Lächerlichkeitsbremse ziehen. Alle lachen und für einen Moment sieht man die verwirrten Gesichter. Bevor es wieder weitergeht.

Mittendrin jemand, der nicht hineinpasst. Er wird immer wieder von den anderen niedergemacht. Ist ja nur Spaß. Die Mädchen erwarten sich, dass er sich wehrt, doch er meint es sei ihm egal. Wenn die anderen beschäftigt sind, dann unterhält er sich mit der Kappe. Ganz normal. Beinahe niveauvoll. Zwischendurch ein paar unsichere Lacher. Um dazuzugehören. Ein bisschen zumindest. Aber es ist noch lange nicht perfekt. Er bildet sich etwas dabei. Weiß, dass er mit den einzelnen gut reden kann, aber sobald die Gruppe beisammen ist, wird wieder auf ihm herumgehackt. Im Gespräch denkt Kappe nicht daran, auf wessen Seite er ist. Er macht sich über einen andere Coolen lustig. Doch der merkt es nicht. Ein Mädchen sieht kurz auf und schon geht es weiter. Eine Welt von Lapalien in Kombination mit tiefen Gefühlen, die auf keinem Fall zu ernst rüberkommen dürfen. Immer in einem halbwitzigen Ton, um sich einen Ausweg offen zu halten.

Anhand der Lacher der Mädchen kann man feststellen, wen sie gerne in ihrer Nähe hätten. Ein wenig Händchen halten. Vielleicht ein vorsichtiger Kuss. Nicht offen darüber sprechen. Ein paar unterdrückte Lacher. Manchmal lauter, manchmal weniger.

Und schon ist man wieder in ihrer Welt. Aus dem Augenwinkel beobachtet man das Geschehen. Durch ihre Lautstärke ist es gar nicht mehr möglich wegzuhören. Mehrmals der Versuch in ein Buch zu flüchten, doch sie holen einen ein. Immer wieder. Ihre Lacher, die lauten Stimmen und dazwischen schmatzen. Eine Chipstüte macht die Runde. Man hat das neue Objekt der Aufmerksamkeit gefunden. Es scheint sich um ein Mädchen zu handeln, das sich nicht an die Regeln gehalten hat. Neben einen Jungen und ihn in ihrer Hand. Plötzlich handelt alles nur noch von ihnen. Weiterhin voller Halbwitz und vorsichten Vorstößen. Ein neuer Unterton. Neid. Die Vorstellung selbst in der Position zu sein. Doch die Sicht ist zu begrenzt. Man denkt nicht daran, was man selbst gerade über die anderen sagt und stellt sich doch vor, wie es wäre selbst betroffen zu sein.

Eine Aussage, die nicht in Kappes Muster passt. Er sagt was er will anstatt nur Witze zu machen. Das Mädchen, welches ihn bebrunft, freut sich. Möchte dass er öfter so ist. Auch einmal sagt, was er will. Sie erwartet sich sogleich, dass er sie zu sich einlädt. Schon ist er wieder in der Witzschiene. Sieht dennoch eine Chance. Oder ein Wunsch. Doch das Gespräch entwickelt sich weiter. Sein Griff zur Hose verrät mehr. Fällt nur niemanden auf. Vermutlich besser so.

Man schlägt sich. In der Stimme der Schmerz, doch einem wird gesagt, dass es nicht weh tut. Man redet es sich ein. Man lacht. Es war nur ein Witz. Es ist lustig. Es ist immer lustig. Es muss lustig sein. Viel zu leicht gerät man an den Rand. Subtile Aggressivität. Man sitzt schon zu lange im Zug. Die Reise geht ihrem Ende zu. Man will es nicht recht wahr haben. Vielleicht ist man auch auf die eigene Unfähigkeit sauer. Doch das Ventil sind die anderen. Weiter der Versuch es nicht zu ernst wirken zu lassen.

Wieder über die Grenze. Es hat sich nichts verändert, doch jetzt wird telefoniert. Man muss vom Bahnhof nach Hause kommen. Hallo Mama, Hallo Papa.

Jugendliche. Es ist kein Problem. Sie sind so.

Tagesarbeit

Der Mond steht hoch am Himmel. Romantiklüge. Irgendwo hinter den Häusern wird er sein.

Müde wälze ich mich im Bett. Ein toller Tag, viel geschafft und nun freue ich mich auf den Schlaf. Aber es geht nicht. Noch nicht. Ich muss noch ein paar Gedanken ordnen, bevor ich mich hingebe und an mein Unterbewusstsein übergebe. Ich will. So vieles. Und ich werde es erreichen. Weil ich es will. Und weil ich weiß.

Heute habe ich eine Präsentation gehalten, etwa eine halbe Stunde. Ich habe überzogen und doch nur die Hälfte geschafft. Wieder gefühlt, wo meine Stärken liegen und dass ich behutsamer mit den Menschen umgehen muss. Darf nicht zu viel erwarten, darf sie nicht überfordern. Vorbereitet habe ich mich eine Stunde zuvor. Doch das muss ich nicht jedem unter die Nase reiben. Bin nicht stolz drauf, hätte mehr vermitteln können, wenn ich mir mehr Zeit genommen hätte. Aber die war nicht da. Und ich wollte sie nirgendwo stehlen. So bin ich da gestanden, meine Worte haben sich selbst überschlagen, die Geschwindigkeit wurde mit Voranschreiten der Zeit weiter erhöht bis ich mehr als die Hälfte der Zuhörer hinter mir gelassen habe. Leere Gesichter. Verwirrung. Ich wollte ihnen zeigen was möglich ist, was ich beinahe täglich nutze. Einblick in eine andere Welt.

Man kann leben oder gelebt werden.

Weil ich noch unbedingt etwas schreiben wollte, habe ich den Wecker zwei Stunden vorgestellt. Im Halbschlaf ein wenig auf der Tastatur herumgetippt. Am Ende waren es tausend kleine Wörter und ich war spät dran. Schnell unter die Dusche und dann in die Arbeit. Als ich den Text am späten Nachmittag noch einmal angeschaut habe, wurde mir klar, was ich gemacht habe. Es ist keine Lösung so früh zu schreiben. Besser man lässt es ganz. Eine Stunde früher in die Arbeit und diese auch früher heim. Dabei habe ich nicht einmal fixe Arbeitszeiten. Nur manchmal, da muss etwas fertig werden und das hat höhere Priorität. Manchmal macht es mich fertig, aber am Ende bin ich immer wieder froh, dass ich machen kann was ich mache. Und mit den Menschen.

Du bist, wie du dich darstellst.

Genau hier ist der Ort, wo ich das alles ablegen kann. Diese Masken der Gesellschaft. Glatte Lüge. Immer wieder wird mir gesagt, wie ich mich zu präsentieren habe. Dass ich dieses und jenes machen sollte. Und auch das noch gut wäre. Dann wäre ich erfolgreicher. Doch das kann man jemanden nicht sagen, der noch nicht weiß, was er sich eigentlich erwartet. Von diesem Leben. Oder von einem anderem. Es geht ums schreiben. Um das tippen. Immer mehr, manchmal besser, manchmal schlechter. Hauptsache die Finger sausen über die Tastatur. Am Ende kommt schon etwas raus. Aber nicht zu durchschaubar. Lieber ein paar Mauern aufrecht erhalten. Manche Personen sind groß genug, um darüber zu schauen, die anderen müssen nicht alles sehen. Gibt auch nichts. Dort drinnen.

Die Flügel anziehen und hoch hinaus.

Sonnennacht

Lange Strassen, sanfte Wärme. Die Jahreszeit hat sich gewandelt. Der Sommer. Er ist zurück.

Ich möchte dich entführen. Dir die Orte meiner Jugend zeigen. Wir steigen einfach ins Auto. Es ist nicht weit, ein paar Minuten über die Autobahn, dann in steilen Serpentinen der Berg hoch. Durch zwei kleine Dörfer, dann lassen wir die Zivilisation hinter uns. Hand in Hand gehen wir den Weg entlang. Links und rechts Wiesen, später der Wald. Bis wir angekommen sind. Am Ende des Bächleins hängt ein See. Wir spazieren am Ufer entlang, über eine Brücker zur Insel. Eine kleine Kapelle steht in der Mitte, wir schlängeln uns an Büschen vorbei und kommen zu einer Bucht. Dort ziehen wir unsere Badesachen an und legen uns in die Sonne. Ich werde dich mit Wasser bespritzen und du dich zuerst aufregen bis du mir eine ganze Flasche über den Körper geleert hast.

Die Sonne steht hoch am Himmel. Die Menschen gehen mehr raus. Lachen, sitzen an den roten Tischen vor dem Cafe und unterhalten sich über die Zukunft.

Wieder unten angekommen fahren wir zuerst nach Hause. Duschen, umziehen. Nach einer kleinen Stärkung aus Kaffee und Kuchen setzen wir uns in die Hängematte. Du erzählst mir Geschichten und ich lausche gespannt deinen Worten. Die Sonne sinkt immer weiter, bis sie den Himmel in ein tiefes Rot taucht. Wir küssen uns, sprechen davon, dass wir nicht romantisch sind, aber dann schon. Spielt auch keine Rolle. Die Wärme bleibt. So auch wir. Schweigend liegen wir nebeneinander.