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Archiv für Mai, 2008

Ankunft

Meine Augen glitzern als ich aussteige. Überwältigt von den Erinnerungen die mich mit diesem Ort verbinden. Eine Stadt, in der ich noch nie war.

Kurz innen halten. Tief einatmen. Die Welt bleibt stehen. Erst als sich der Zug hinter mir wieder in Bewegung setzt, öffne ich die Augen wieder. Die Sonne blendet mich. Wärmende Strahlen streichen über mein Gesicht.

Ich überlege, ob ich mir eine Karte kaufen soll. Im Internet habe ich mir kurz die Grundstruktur angeschaut. Ungefähr weiß ich, wo was liegt. Keine Karte. Losgehen. Ins Blaue. Vorbei an den Shops, die mir Geheimtipps versprechen, den besten Kaffee der Stadt und eine unvergessliche Rundgang. Danke, nein. Ich will alleine sein. Keine kreischenden Kinder und maulenden Senioren. Niemand kann mir diesen Tag verderben. Diesen einen Tag, auf den ich so lange gewartet habe. Beinahe nicht mehr geglaubt, dass er kommen würde. Jetzt ist er da. Ich habe mich in den Zug gesetzt. Mitten in der Nacht. Konnte keine Sekunde schlafen. Nun bin ich da. Meinen Träume warten schon auf mich. Sie sind vor Monaten angekommen.

Vor dem Bahnhof ein großer Platz. Ich kaufe mir bei dem Ticketautomat eine Tageskarte. Will mir nicht ständig Gedanken machen, ob ich lieber gehe oder fahre, ob ich darf oder nicht, wie weit und überhaupt. Dafür habe ich keine Zeit. Nicht heute. Nicht in diesem Moment. Die Straßenbahn ist leer. Nur ein älter Herr sitzt ganz vorne und sieht aus dem Fenster. Ich gehe bis zum Ende durch. Setze mich nieder und strecke die Füße von mir. Meine Hand greift zu meiner Brusttasche, spürt das kleine Notizbuch und den Stift. Ein paar Worte niederschreiben. Einige Gedanken. Nein. Einfach fühlen. Heute muss ich nicht teilen. Der Tag wird nicht so schnell aus dem Kopf verschwinden. Nicht dieser.

In den Kurven quietschen die Räder. Die Sitze sind aus Holz. Glatt poliert mit einer dicken Lackschicht. Vorbei an alten Häusern. Riesige Glasfassaden. Alt und neu. Kontraste. Eine Wolke verdeckt die Sonne. Ich stelle mir vor, wie es ist durch den Regen zu laufen. Die Menschen anlächeln, wie sie sich unter ihren Schirmen verstecken, sich in die Hauseingänge quetschen und in Geschäfte flüchten. Und dann kommt die Sonne wieder. Ein kleiner Regenbogen, den sie nicht sehen, weil sie ständig auf den Boden schauen. Nur ein kleines Mädchen, das von Lacke zu Lacke hüpft, die Hose bereits bis zu den Knien nass, bleibt stehen und schaut den Regenbogen an. Sie zieht am Ärmel ihrer Mutter, zeigt nach oben. Doch die Mutter sieht es nicht. Sie telefoniert mit einer Freundin. Über den letzten Abend. Das Mädchen entdeckt mich und wir lächeln uns kurz an. Dann hüpft sie weiter. Eine rote Mütze hat sie an. So gar nicht zum restlichen Gewand passend. Der Mutter wäre es lieber, wenn sie statt der Mütze einen ach so putzigen Schirm nehmen würde. Doch das Mädchen lasst sich nicht dreinreden. Ich muss weiter, meine Gedanken bleiben noch kurz bei ihr. Sie erinnert mich an jemanden. An den Grund meiner Reise.

Als ich aussteige ist die Wolke wieder verschwunden. Strahlend blauer Himmel. Ich setze mich an den Brunnen und beobachte das Wassert wie es über die Steinstatuen plätschert. Ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Vor Jahren hat sich ein alter Professor damit beschäftigt. Er hat geforscht aus welcher Zeit der Brunnen stammt, wer ihn beauftragt hat. Das steht nun auf der silbern glänzenden Tafel am Brunnenrand. Dass der Professor herausgefunden hat, was die rundlichen Vertiefungen an den Armen der Statuen bedeuten, weiß niemand. Der Text in dem er über die Beziehung zwischen dem Brunnenbauer und der Tochter des Auftraggebers geschrieben hat, wurde nie veröffentlicht. Manchmal kommt der Professor zu dem Brunnen, setzt sich in einem bestimmten Winkel zur Sonne und beobachtet die Formen, die das Wasser erzeugt. Als ich gehe blicke ich zu dem Mann mit weißen Haaren, der mir gegenüber saß und mich die ganze Zeit über angeschaut hat.

Ich sitze auf einer Bank mitten auf einer Fußgängerbrücke und esse ein Brot mit Mozzarella und Tomatenscheiben.

Zwischenwelt

Ich stehe da, weiß nicht, ob ich nach links oder rechts gehen soll. Zwei Welten, die aufeinander treffen. Sich so ähnlich sehen und doch grundsätzlich verschieden sind.

Eine warme Prise weht um meinen Kopf, fährt durch meine Shirt und lässt mich die Augen schließen. Soll sich die Welt doch ohne mich weiterdrehen. Und das tut sie auch, jedes Mal wenn ich kurz blinzeln, haben sich die Welten verändert. Wurden sich ähnlicher oder sind auseinander gedriftet.

Zwischenwelt. Ein Wort, das seit zwei Jahren durch meinen Kopf wandelt. Sich immer wieder in den Vordergrund drängt, mich anschreit, dass ich mich entscheiden müsste. Ich dürfte hier nicht bleiben. Man kann nicht mit dem einem Fuß in der Wüste und mit dem anderen im Gletscher stehen. Das würde der Mensch nicht aushalten. Es zerreißt ihn in zwei Teile. Und dann ist es aus. Denn zweigeteilt kann man nicht leben. Da fehlt dem einem der Kopf und dem anderem das Herz. Ein Teil kann nicht atmen, der andere nicht essen. Nicht sehen oder nicht hören. Man muss sich entscheiden.

Dazu habe ich keine Lust. Ich will mich nicht festlegen. Später wieder auf die andere Seite wechseln ist nicht so einfach, wie es viele darstellen. Man passt sich an das Klima an, lernt Leute kennen, die sich dort ebenfalls wohl fühlen und baut sich ein Haus. Selbst wenn man dieses mitnehmen könnte, würde es in der anderen Welt nichts bringen. Im Gegensatz verkehrt. Doch die Augen kann ich nicht ewig geschlossen halten. Irgendwann muss ich beginnen mir einen Schutz zu bauen. Und wenn es in der Zwischenwelt ist. Vielleicht ist es besser, sich nicht fest zu legen. Ich fühle mich hier wohl. Mein Zweifel dreht sich um beide Welten, ich halte weder die eine, noch die andere für perfekt. Immer gibt es etwas auszusetzen, etwas das in der anderen besser funktioniert. Aber mischen wäre fatal. Dann müssten alle in der Zwischenwelt leben und das schaffe ich ja schon fast nicht.

Wäre dieses Phänomen nur auf eine Sache beschränkt, könnte ich mich glücklich schätzen. Es ist ein wiederkehrendes Schema. Es tritt nicht nur selten auf, sondern beherrscht meine die wichtigsten Bereiche meines Lebens. Patentlösungen gibt es dafür nicht. Manchmal muss ich mich entscheiden, manchmal schaffe ich es zu bleiben. Nur um es wenig später wieder in Frage zu stellen. Stärke oder wahre Stärke. Nur ein Beispiel. Es macht einen Unterschied. Für mich und mein Umfeld. Weil das eine angepasst ist und das andere alles über den Haufen wirft. Es zeigt, dass es auch anders geht. Versucht es. Viele sind damit auf die Schnauze gefallen, manche haben es geschafft. Aber dann wirklich. Da gibt es kein Zwischending mehr. Erfolg oder Misserfolg. Halb gibt es nicht. Mehrere Gesichter sind eine Lösung, die mich zerstört. Nicht von innen sondern von außen. Sobald sich zwei Dritte treffen. Noch fällt es niemanden auf. Man denkt zwischen privaten und beruflichen zu trennen, doch in Wirklichkeit trennt man zwischen zwei Gegensätzen. Das eine verachtet das andere.

Hiermit habe ich mich schon fast entschieden. Man kann, muss es aber nicht verstehen. Es liegt nicht an mir, wie es aufgenommen wird. Nur an mir. Wie ich es kommuniziere, ob ich es betone oder einfach bin. Das Leben macht es nicht einfach. Niemanden. Für Gegenbeispiele bin ich immer offen. Bisher habe ich alle langsam aufgelöst bis nur noch ein kleiner Haufen Schnüre übrig war.

Die Zwischenwelt beginnt mir zu klein zu werden, auf welche Seite ich wechseln will weiß ich. Ob ich es schaffe nicht.

Strandgang

Warmer Sand unter unseren Füßen. Schritt für Schritt.

Ich nehme deine Hand, wir heben ab. Immer höher. Aus den Schmetterlingen ist ein Feuerwerk geworden und ich wechsle zwischen vor Worten sprudeln und lächelnden Schweigen.

Die Beschleunigung drückt uns in den Sitz und ich meine Lippen auf die deinen. Von der Sonne umspielt liegen wir da. Die Augen schließen. Wärme fließt über und in unsere Körper.

Du hast den Schalter gefunden. Unbewusst. Ihn umgelegt und ich beginne zu strahlen. Kann nicht erklären warum. Spüre deine Stimme, wie sie mein Herz durchdringt. Du stehst nicht auf Romantik, ich zünde die Kerzen an. Ein kleiner Kuss.

Immer höher. Nicht abstürzen, sondern landen. Sanft. Vielleicht ein paar Ruckler. Doch das ist weit weg. Wir springen in die Wellen. Über uns schlagen sie zusammen. Wir sind schon weg. Weiches Wasser, das uns trägt. Uns umspült.

Ein Korb voller Früchte. Fremde Geschmäcker. Überraschungen. Den Sonnenuntergang beobachtend. Im Mondschein den Strand entlang spazieren.

Warmer Sand unter unseren Füßen. Schritt für Schritt.