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Archiv für April, 2008

Kalte Sehnsucht

Rationalität schießt durch meine Adern. Für einen Moment hatte ich geglaubt, dass es gehen könnte. Dass ich im Bett liege, die Augen schließe und einschlafe. Eine sentimentale Täuschung.

Ich starre die Decke an. Ein trapezförmiger Lichtfleck von einer Straßenlaterne. Leise surrt der Lüft des Laptops. Gleichmäßiges Atmen. Meine Augen senken sich, der Kopf hebt sich. Draußen die Wolken. Von der Stadt mit Licht versorgt. Unentgeltlich. Die kahlen Spitzen eines Baumes und dunkle Fenster.

Sobald ich die Augen schließe sehe ich dich. Dein Gesicht. Ich will danach greifen. Sanft über die Wange streichen. Meine Hand zerbricht bei dem Versuch. Zitternd.

Ich drehe mich auf die Seite. Eng an die kalte Wand gedrückt. Sie lenkt mich ab. Bringt mich zurück in meine kleine Welt. In eure Welt. Die rauhe Struktur der Tapete. Darüber weißer Farbe. Sie fließt in meine Haut, lässt mich verblassen.

Eine unberührbare Welt des Glücks. Vertrautheit. Ich kann sie nicht einreißen. Will ich auch nicht. Jeder Gedanke lässt mein Herz springen. Prickelnd durchfährt es meinen Körper. Gänsehaut. Ich beiße mir auf die Lippe.

Zurück in einer Welt, die ich nicht formen kann. Voller ungeplanter Zwischenfälle. Vorgänge, die mehr laufen als gehen. Es gibt keine Grenzen, die ich niederreißen kann. Verschwommene Übergänge. Gefühlsüberschussknappheit.

Auf die andere Seite drehen, die Decke bis zum Kopf ziehen. Langsam kehrt die Wärme zurück. Ich spüre deine Gedanken. Traue mich fast nicht zu atmen. Erinnerungen, Hoffnungen, Träume. Sie vermischen sich im jetzt und lassen mich lächeln. Die ganze Nacht.

Bahnzeit

Ein Blick auf die kleine Uhr auf dem Handydisplay, kurz nach vier. Sie läuft mir davon. Die Zeit. Wieder und immer noch. Früher habe ich es bemerkt heute beobachte ich, wie sie an mir vorbeiströmt und morgen überhole ich sie.

Heikle Themen soll man nicht ansprechen. Nicht stehen bleiben, kein Wort. Immer weiter. Ins Verderben. Die Straße geht zu Ende, eine andere beginnt. Menschen rennen zur Straßenbahn, fluchend schauen sie ihr hinterher. Eisverkäufer gibt es nicht mehr. Tiefkühltruhen. Ich rücke meine Tasche zurecht.

Zwischen Himmel und Hölle. Nur ein paar Momente. Kein Gesicht, das ich sehen kann. Sie laufen an mir vorbei. Unbeachtet, glücklich. Ein kleines Mädchen steht am Straßenrand, ein Pack Rosen in der Hand. Sie sehen traurig aus. Ich hasse kurz das System. Welches? Beide. Gleich wird sie auf mich zugelaufen kommen, mir eine Rose entgegenstrecken und ich werde sie ohne ein Wort zu sagen böse anstarren. Dann wird ihr Lächeln verschwinden und sie mit ihm. Mein Magen knurrt.

Gestern war es heiß, ich lag auf der Dachterrasse und genoß das Leben. Heute ist der Himmel bewölkt, ich habe wieder meinen grauen Mantel an. Der Wind bläst mir die Haare vors Gesicht. Es ist mir egal. Ich kenne den Weg und sehen muss ich heute niemanden.

Der Abgang zur U-Bahn. Wie ein Schlund, der alles in sich aufsaugt. Auf der anderen Seite würgt er es wieder aus. Ich remple mich durch die entgegenstömende Masse. Menschen jeden Alters, sie stehen unter Druck. Die Zeit, die sie treibt. Ich weiche aus. Sie rennen ins Leere. Dann Stille. Alle sind verschwunden. Ich schlendere den Bahnsteig entlang. Blicke auf die Anzeige. Acht Minuten. Zu viel Zeit um nur dazustehen. Möchte mich auf die Bahnsteigkante setzen, ein Blick zur Kamera, ich hole mein Notizbuch heraus.

Menschenmassen strömen, rennen, atmen. Ungehalten gegen Wände, in die Leere, kein zurück. Erinnerungen, die verblassen, nach Sekunden, wie ein Blitz. Durchdrungen und verschwunden. Hinterlassen Löcher, winzigklein. Unbedacht. Wer ich bin, wohin ich gehe. Nicht mit ihnen. Nur ein Fisch. Abgekommen, ausgebrochen. Kleine Perlen, die am Boden liegen. Glitzernd, unerreichbar. Stehen bleiben, langsam sinken. Bis man ankommt.

Auf der anderen Seite fährt ein Zug ein. Leute strömen heraus, springen über die Treppe, drängen sich in den Aufzug. Ich lehne mich an die Wand, suche ihre Blicke. Hastig vorbeieilend. Nicht heute. Vielleicht das nächste Mal. Ich muss lachen.

Dann fährt meine Bahn ein.

Strichliste

“Hi, kennen wir uns?”
“Nein.”
“Oh, ähm ich bin Nadja.”
“Hallo Nadja.”
“Erfahre ich deinen Namen auch?”
“Nein. Ich bin niemand, den man kennen müsste.”

Kurz sieht sie mich verwirrt an. Dann lächelt sie wieder und beginnt von ihrer Ausbildung zu reden. Eine Zeit lang höre ich ihr zu, nippe an meinem Erdbeersaft, dann gehe ich.

“Halt! Du kannst mich nicht einfach so stehen lassen. Wir haben uns gerade unterhalten.”

Ich drehe mich um. Gehe wieder zu ihr hin und schaue in ihre Augen.

“Nein. Du hast vor dich hingequasselt und ich habe nachgedacht. Unterhalten bedeutet, dass zwei Personen miteinander kommunizieren. Ist aber auch nicht so wichtig. Wenn du rüber an die Bar siehst, dann siehst du einen jungen Mann mit einem hellblauem T-Shirt und einer unglücklich gewählten, braunen Hose. Der würde dir begeistert zuhören. Da musst du nicht einmal lächeln und er spendiert dir einen Drink nach dem anderen. Wenn er dir zu langweilig oder schüchtern ist, kannst du zu dem Typen gehen, der gerade neben dem DJ steht. Siehst du ihn? Der hat zwar drei andere Frauen, mit denen er gerade herummacht, aber ich denke, dass du recht gut in sein Schema passt und er sich zumindest für einen Abend zurückhalten wird. Mit dem kannst ein paar Abenteuer erleben oder irgendetwas verrücktes machen. Mach dir einfach einen schönen Abend und lass mich in Ruhe. Ich habe keine Lust mich mit dir zu unterhalten. Es interessiert mich nicht, was du alles kannst oder noch machen willst. Es ist mir auch egal, mit wem du wann auf Urlaub gefahren bist und wie süß das Baby deiner Freundin ist. Lass mich einfach in Ruhe.”

Sie will etwas sagen, aber ich habe mich schon umgedreht und gehe zu einem leeren Tisch im hinterem Bereich des Lokales.

Nachdem ich mich gesetzt habe, schau ich kurz in die Menge. Sie hat den ruhigen Weg gewählt. Die Augen des Typen hängen etwas schief und er wird sich in ein paar Tagen umbringen wollen, wenn sie mit ihm fertig ist, aber das ist nicht mein Problem. Durchziehen wird er es sowieso nicht. Vielleicht nimmt er dann sein Leben in die Hand. Ein bisschen zumindest.

Mr. Ichbinsogeil macht sich bereits an ein anderes, viel zu junges, Mädchen gemacht. Um die würde ich mir schon eher Sorgen machen, aber spätestens in zwei Stunden ruft ihr Vater an und wenn sie dann nicht erreichbar ist, kommt er mal eben vorbei und holt sie. Ich wünsche Mr. Ichbinsogeil, dass er in dem Moment nicht an ihren Lippen hängt. Sonst kann er sich am Morgen darüber freuen, dass sich die Schwester mit der Bettente an seinem Schwanz zu schaffen macht.

Ich hole den kleinen Notizblock heraus, den roten, und mache einen Strich.