26. Februar 2008 um 19:57 |
Für ein paar Sekunden lass ich meinen Blick schweifen. Dann suche ich sie wieder. Ohne Erfolg.
Verschwunden. Vielleicht ist sie gegangen. Hat sich etwas zu trinken geholt, frische Luft schnappen, aufs Klo, eine Freundin holen, eine Zigarette Rauchen, schminken, Geld abheben, sich ausruhen, die Beine massieren, Fingernägel lackieren, Schuhe putzen, essen, Nase schneuzen, umziehen, einen Musikwunsch äußern.
Sie ist weg. Schon seit Stunden. Warum ist sie noch da? Was hat sie mit meinen Bildern gemacht. Noch immer fröhlich tanzend wirbelt sie sie herum, verwischt sie und verschwindet selbst. Da ist sie wieder. Wäre es später, hätte ich, wäre ich alleine, wäre ich, hätte ich mich anders verhalten. Nein. Sie war es nicht. Ich weiß es. Rede es mir nicht nur ein. Der Moment hätte gereicht. Ein Augenblick um zu wissen was man will. Nicht rational abwiegen, was wichtig ist. Nicht darüber nachdenken. Einfach sein. Morgen spielt keine Rolle. Sie war es nicht.
Die Tanzfläche hat sich geleert. Meine Freunde warten auf einem Sofa. Nuckeln an ihren Getränken. Mir wird kalt. Ich spüre den Schweiß auf meiner Stirn. Auf meinem Rücken. Eisig. Ein Luftzug. Das Licht geht an. Ein kurzes Murren der anderen. Ich schaue zum DJ, er schüttelt lächelnd den Kopf. Ich kann ihm nicht böse sein. Eine Stunde mehr spielt keine Rolle. Irgendwann kommt die Kälte. Zieht mich zurück ins Leben. Ein Freund bringt mir schon meine Jacke. Ich wusste nicht einmal, dass ich eine an hatte. Ist auch nicht meine. Ich schaue ihn an. Er ist verwirrt, dreht sich wieder um, legt die Jacke zurück.
Wir sind die letzten. Mein Shirt ist schon wieder trocken. Als wir die Treppe raufgehen, werde ich gefragt ob ich sie noch heimbringen könnte. Natürlich. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals alleine heimgefahren bin und die anderen stehen habe lassen. Zehn Minuten bräuchte ich. Fünfundvierzig werde ich brauchen. Mindestens. Quer durch die ganze Stadt. Es ist mein stummer Ausdruck, dass sie mir etwas bedeuten. Es fällt mir schwer so etwas auszusprechen. Fürchte mich vor den Reaktionen. Egal ob sie positiv oder negativ wären.
Ich schiebe eine CD in das Autoradio. Song 2 von Blur. Danach kommen Gorillaz und Green Day. Sie schreien ein paar Stellen mit. Der Alkohol hat sie voll im Griff. Ich werde ruhiger. Konzentriere mich auf die Straße und beginne Szenarien durchzugehen. Diese sind so weit weg, wie der nächste Baum.
Der letzte ist ausgestiegen, hat sich noch einmal bedankt und eilig die Haustür hinter sich geschlossen. Ich rolle langsam den Berg hinunter. Dann geht es über die Autobahn heim. Der Himmel ist schon blau. Aus den Boxen dröhnt Juli.
25. Februar 2008 um 16:45 |
Auf meinem Schoß ein paar Notizzettel, mein Block, der Laptop, Unter der Sonne und B:Seite.
Mit einem schwarzen Kuli versuche ich ein paar Gedanken zu bändigen. Vorsichtig ausgewählt und anschließend auf Papier gebannt. Dort werden sie ruhen. Bis ich sie irgendwann wieder hervorhole. Dann tippe ich sie ab, schicke sie hinaus in die Welt. So dass sie in anderen Köpfen wieder zum Leben erwachen.
Der Platz mir gegenüber ist frei. Links davon sitzt eine ältere Dame. Sie liest Zeitung und lutscht Bonbons. Jeden einzelnen Artikel. Von der ersten bis zur letzten Seite. Auch die Werbung. Ihr Finger fährt auf der Zeitung mit. Nur manchmal huscht er in die Tasche, um mit einem weiteren Bonbon zurückzukommen. Eilig steckt sie es sich in den Mund.
Draußen scheint die Sonne. An wenigen Stellen noch Überreste des Winters. Weiß-graue Flecken erzählen keine Geschichten. Sie liegen an ihren schattigen Plätzen und warten auf die Wärme. Ein verkümmertes Dasein, dessen Ende unausweichlich ist.
Der Herr neben mir liest ein Buch über Lungenkrebs. Manchmal beobachte ich ihn aus dem Augenwinkel. Er trägt eine Brille. Einen jugendlichen Pullover und eine Levis-Jean. Seine Schuhe sehe ich nicht. An der Wand hängt eine orange Jacke. Das Kapitel heißt Familie. Was in seinem Kopf vor sich geht? Vielleicht denkt er an seine zwölfjährige Tochter. Oder an seine Frau, die mit der Krankheit nicht fertig wurde und ihn verlassen hat. Gibt es in seinem Leben etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt? Gibt es das in irgendeinem Leben? Wie fühlt sich das an?
Ein weiteres Bonbon verschwindet. Gerade haben wir die Grenze überfahren. Das teilt mir zumindest die Nachricht auf meinem Handydisplay mit.
Ich schlage Unter der Sonne auf. Schnee. Die letzte Geschichte beginnt auf Seite 103. Gestern habe ich auf Stellplatz 13 geparkt.
Woher Kehlmann all die Namen nimmt. Ich mag Namen nicht. Nicht in meinen Texten. Sie verleiten zu Interpretationen, die nichts mit der Geschichte zu tun haben. Namen sind nur Schall und Rauch. Ohne Namen fällt es schwer mit mehreren Akteuren zu arbeiten. Ohne geht es nicht. Man muss sie nehmen. Gut überlegt oder spontan.
“Er war noch nie so glücklich gewesen.” Ein Satz der das Leben bejaht. Danach schreit und Verzweiflung zeigt. Alle arbeiten darauf hin. Es ist nicht real.
Schauplatzwechsel. Das ist der Unterschied.
Die Frau ist gegangen. Er liest ein neues Buch. Leben! Auf der Rückseite steht: Diagnose sechs Wochen. Ich muss schlucken.
Rechts von mir packt jemand eine Kantwurst aus. Übergewichtig. Vielleicht dreißig Jahre. Er stopft sie hastig in sich hinein. Keine Beilage. Nur Kantwurst. Nach vier Bissen ist sie weg.
Der Kuli hinterlässt einen Punkt auf der Rückseite meines Daumens. Ich war unaufmerksam. Durch die verdunkelten Scheiben im Waggon sehe ich eine Frau. Nicht viel jünger als ich. Unsere Blicke treffen sich. Ich weiche aus. Wann habe ich das letzte Mal zurückgelächelt? Eine zweite Kantwurst verschwindet. Er ruft seinen Freund an. Auf seiner Stirn haben sich Schweißperlen gebildet. Vielleicht ist es auch Fett, das aus den Poren quillt. Fußball heute Abend. Sicher nicht spielen. Auf seinem T-Shirt im Armylook steht es. Rapid Wien – Kämpft und siegt seit 1899. Er besiegt noch eine Kantwurst. Kampflos. Nun legt der den Kopf seitlich nach hinten. Als ob er ihn nicht mehr tragen könnte. Dabei ist nicht einmal ein Hals vorhanden.
B:Seite zieht mich weg. Der Zug und die Reisenden verschwinden. Ich lasse mich fallen. Sinken. Mitreißen.
23. Februar 2008 um 17:43 |
Die Häuser ziehen an mir vorbei. Wie im Fernsehen. Nur ohne Regen.
Ich bringe noch ein paar Freunde heim. Wieder einmal bin ich es, der mit dem Auto unterwegs ist. Ein silberner Golf Kombi. Vom Straßenstaub verdreckt und hinter den Reifen Schlammspritzer. Wir waren im Club. Zuvor im Pub.
Sie haben vom Zivildienst erzählt. Ich war geschockt. Nicht von den Dingen, die sie erlebt haben, sondern wie sie es erzählt haben. Ich verstehe nicht, wie es toll sein kann, wenn man eine Ranimation hat. Wie man hoffen kann, dass das Herz doch noch aussetzt. Wie man freiwillig eine zusätzliche Woche arbeitet. Wie man lachen kann, wenn man erzählt, dass ein Polizist einem festgebundenen Afrikaner im Krankenwagen ins Gesicht schlägt. Wie man es gut finden kann, dass man Stunden nachdem man selbst ins Bett gekotzt hat, einem Patienten bei selbigem zusieht. Ich bin mit gesenktem Blick da gesessen und habe versucht sie nicht anzuschreien.
Später sind wir weitergegangen. Raus aus dem verrauchten Pub. Ein bisschen frische Luft. Ich bin mit dem Auto zum Club gefahren. Der Türsteher war neu. Probleme gab es nicht.
Es hätte eine Band spielen sollen. 1984. Angeblich gab es einen Autounfall. Sie spielten nicht. Stattdessen gab es einen DJ. Reichte uns auch. Britpop und so. Später auch anderes. Wir blieben bis nach drei.
Bewegung im Takt der Musik. Im Kopf Club of Scheiße Tanzen. Hin und wieder schließe ich die Augen und genieße. Ich fühlte mich beinahe wohl. Hin und wieder blitzen Augen auf, die ich anlächelte. Manchmal kam etwas zurück manchmal nicht. Es ist nicht so, dass ich zwanghaft versuche jemanden kennen zu lernen. Noch nicht.
Durch meine Gehirnwindungen schießen andauernd Erinnerungen. Drei Personen. Momentaufnahmen. Traumbilder. Von mir idealisiert und abgespeichert. Das ist nicht das Leben. Das ist Hoffnung. Wieso komme ich nicht los?
Ich werde angelächelt, doch vor meinen Augen tanzen Bilder aus vergangenen Tagen.
Wegschieben. Alles. Nur noch die Menge. Die Musik. Die Bewegung. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich sie. Sie erinnert mich an niemanden. Ist einfach da. Alleine durch die Menge. Freude im Gesicht. Sucht sie jemanden? Jemanden bestimmten? Ich kann es nicht sagen. Meine Augen folgen ihr.
Sie treffen sich. Die Augen. Meine mit den ihren.